„Danni: Bleibt!“ Über die Waldbesetzung und den Demo-Sonntag am 04. Oktober 2020

Der Demonstrations-Sonntag beginnt spät. Ohne Räumung gibt es für die Waldbesetzenden keinen Grund früh auf zu stehen. Irgendwer bereitet in einer kaputten Mocca-Kanne Kaffee auf dem Feuer zu. Der Plastik-Griff ist geschmolzen und verformt. Eine junge Aktivistin in Feuerwehr-Stiefeln hackt Holz. Ich komme nur widerwillig aus meinem Schlafsack. Die Vorbereitungen für die Demonstration hatten mich lang wachgehalten und der Tag verspricht kühl zu werden. Als ich die Leiter meines Baumhauses runter steige sehe ich schon die ersten Menschen, die den Wald besichtigen. Sie sind gut von den Bewohnenden zu unterscheiden. Ihre Kleidung ist unverdreckt. Ein Aktivist, der sich Ingwer nennt, spricht mich an. Ob ich wisse, wann die Demonstration beginne. „Um 12 geht es los“ sage ich und will im Gegenzug wissen, wie spät es ist. Die Antwort lässt mich zum Eingang des Waldes hasten. Ich bin verabredet.

Ich sehe die Menschen der BUNDjugend schon von weitem. Sie strahlen und zwei von ihnen schwenken Fahnen. Ich freue mich sehr sie zu sehen und muss mich bremsen, sie nicht alle zu umarmen.

Während der Führung merke ich wie normal das hier alles für mich geworden ist. Die Pyramiden aus Ästen und Stämmen und die Räumungsfahrzeuge aufzuhalten. Die Schilder, die auf die Lebensgefahr für die Aktivist*innen in den Strukturen, bei der Räumung hinweisen. Die zum Selbstschutz vermummten Menschen. Dann die allgegenwärtige Präsenz von Symbolen, die auf die Utopie hinweisen, die hier in der Besetzung gelebt wird. Auf die Plane an einem Baumhaus ist ein queerfeministisches Symbol gesprayt. Direkt darüber prangt ein A in einem Kreis. Anarchismus.

Im Wald sind alle gleich. Es gibt keine Hierarchien. Es gibt keine Gesetze.

Wir kommen in dem Teil der Barrikaden an, in dem ich die letzten Tage gelebt habe. Stolz zeige ich den begeistert Fotografierenden unseren Sitzkreis am Feuer, unsere Wasch-Straße und vor allem unsere Baumhäuser und Tripods, die die Aktivist*innen nur mit Klettergurt besteigen können. Besonders viel Anerkennung bekommt die Willkommen-Tafel: „Willkommen im Morgen. Wir sind ein weltoffenes, queerfeministisches, drogenfreies Barrio. Hier sollen sich alle wohl fühlen. Schön, dass du da bist!“

Dann beginnt die Demonstration. Sie findet auf einem Acker direkt hinter der angemeldeten Mahnwache statt. Die riesige, professionell aufgebaute Bühne wirkt fast absurd nach all den bunt zusammengeschusterten Strukturen des Waldes. Ein Redner weißt auf den Zusammenhang des Dannenröder Waldes mit der Trinkwasserversorgung hin. Vor der Bühne stehen viele hundert Menschen, alle von weit angereist, brav mit Maske und Abstand voneinander. Die BUNDjugend-Fahnen gliedern sich wunderbar ein, neben „Wald-statt-Asphalt“-, Campact-, „Stoppt A49“-, „Fridays-For-Future“-, „NABU“-, „BUND“- und vielen weiteren Flaggen. Die Diversität ist nicht nur zu sehen. Sie ist auch zu spüren. Ein kleines männlich gelesenes Kind wippt erhaben auf den Schulter der Bezugsperson und daneben klatsch ein Mensch in Rentenalter.

„DANNI?“, ruft der Mensch auf der Bühne in das Mikrophon. „BLEIBT!“ schallt es entschlossen zurück.

Was Menschen hier eint, ist eine Entschlossenheit und auch Wut. Es geht nicht um den Bau irgendeiner Autobahn. Es geht um die Zerstörung eines Lebensraumes, einer Utopie und vor allem um die Zerstörung von Hoffnung in die Zukunft.

Ein Gastbeitrag von Lilian, einer Aktivistin und YouTuberin

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