Lametta und Kartoffelsalat – Warum wir Weihnachten neu definieren sollten

Lametta, Kartoffelsalat und im Radio „Last Christmas“. Für die einen die schönste Zeit im Jahr, für die anderen mega nervig: „Besinnliche“ Adventszeit?? Von wegen. Für viele bedeutet der Advent Stress pur. Neben dem ganz normalen Alltag muss man noch von Weihnachtsfeier zu Weihnachtsfeier, von Laden zu Laden und schließlich von Verwandten zu Verwandten hetzen. Es gibt viele Gründe Weihnachten nervig zu finden – Allerdings nicht nur auf privater, sondern auch auf gesellschaftlicher Ebene. Warum wir Weihnachten allein schon aus politischen Gründen neu definieren sollten? Darum geht es in diesem Blogbeitrag.

Weihnachten unter dem Stern des Konsums

Martin Luther: Ihm verdanken wir nicht nur die Reformation (*hust* sowie die Verbreitung eines judenfeindlichen Weltbilds…), nein, auch die Tradition des Beschenkens an Weihnachten soll auf ihn zurückgehen. Allerdings ist diese Tradition etwas aus dem Ruder gelaufen: Meine Oma erinnert sich noch, als Kind an Weihnachten Socken und – wenn es gut lief – eine Mandarine und Nüsse geschenkt bekommen zu haben. Heute bekommen Kinder Geschenke im Wert von mehreren hundert Euro. Geprägt von Konsum-idealisierenden Medien und Werbung auf Instagram, YouTube und seit neustem TikTok hat sich auch der Wunschzettel in der letzten Generation deutlich verändert. Statt „einem Brettspiel, einem neuen Fahrrad und Sportschuhen“, findet man darauf heutzutage eher „das neuste iPhone, Markenklamotten und eine xBox“. Weihnachten hat sich vom „Fest der Liebe“ in ein Fest des Kapitalismus verwandelt. Beginnend mit dem Black Friday – mittlerweile eher eine Black Week – scheint die ganze Adventszeit unter dem Stern des Konsums zu stehen: Jede Firma hat plötzlich Ideen für das perfekte Weihnachtsgeschenk. Coca-Cola, Amazon und Co. senden besonders emotionale und besinnliche Werbespots – meist mit heterosexuellen Kernfamilien im Mittelpunkt. Und Influencer*innen werden plötzlich besonders aktiv (Stichwort „Vlogmas“). Kein Wunder, denn der Dezember ist der umsatzstärkste Monat im Jahr.

CO2, Plastik und Feinstaub

Sehr wahrscheinlich ist der Dezember aber nicht nur der umsatzstärkste, sondern auch der klimaschädlichste Monat. Weiße Weihnachten scheinen sich in diesem Sinne also selbst abzuschaffen. Nicht nur die Geschenke schaden dem Klima, auch – meiner Meinung nach eher kitschige – Weihnachtsbeleuchtung verbraucht unnötig viel Strom. Ganz zu schweigen von der Ressourcenverschwendung durch Geschenkpapier und – wieder nur meine Meinung – stilloser Weihnachtsdeko aus Plastik, wie zum Beispiel Lametta und Weihnachtskissen in Zuckerstangenform. Mit dem Auto wird durch ganz Deutschland getourt, um Verwandte zu besuchen. Der krönende Abschluss dieser umweltschädlichen Zeit: Silvester. Der Tag an dem rund 4.500 Tonnen Feinstaub durch Feuerwerke freigesetzt werden. Das sind etwa 15% der Menge an Feinstaub, die im ganzen Jahr durch Straßenverkehr entsteht[1].

Nachhaltige Weihnachten! Aber wie?

Genau aus diesen Gründen fühlt sich Weihnachten für mich immer befremdlicher an. Diese Idealisierung von Konsum – gerade Kindern gegenüber – kann einfach nicht richtig sein. Aber: Was ist die Konsequenz daraus? Für mich war letztes Jahr die Konsequenz, auf die Frage, was ich mir denn zu Weihnachten wünsche, immer mit „eigentlich nichts“ zu antworten. Geholfen hat das allerdings nichts, wie ich feststellen musste. Ganz im Gegenteil: Ich habe es anderen nur noch schwerer gemacht, passende Geschenke für mich zu finden – schließlich wollte niemand mir wirklich NICHTS schenken… Meine Schwester, hat auf ein Stück Verpackungspolster einen Zettel mit der Aufschrift „eigentlich nichts“ geklebt und unter den Weihnachtsbaum gelegt. Besonders ernst genommen wurde mein Wunsch also nicht. Außerdem steigt so die Gefahr, dass man etwas bekommt, was man so überhaupt nicht braucht. Und das ist ja genau das Gegenteil von Nachhaltigkeit. Daher habe ich dieses Jahr meine Strategie geändert und mir ganz konkrete Wünsche überlegt, die ich auch wirklich brauche, wie zum Beispiel Socken und einen Schal. Ich denke man trägt zwar eine Verantwortung dafür, was man sich wünscht, aber nicht dafür, was man letztendlich bekommt. Die größte Verantwortung – gerade im Bezug auf Nachhaltigkeit – liegt immer bei der Person die VERschenkt. Deswegen, haben wir auch hier ein paar nachhaltige Geschenkideen für euch zusammengestellt.

Christen? Und was ist mit dem Rest der Welt?

Weihnachten ist jedoch, mehr als nur schenken und beschenkt werden: Es ist ein religiöses Fest. Aber ist es das überhaupt noch? Oder muss es das sein? Neben ökologischen Fragestellungen, sind dies die Fragen, die mich besonders beschäftigen. Ich persönlich würde mich als Atheist bezeichnen. Aber was heißt das für Weihnachten? Niemand zwingt mich mit in die Kirche zu gehen, aber bleibt es nicht trotzdem ein christliches Fest?

Und was bedeutet Weihnachten für etwa 4,5 Mio.[2] Muslime[3] in Deutschland – ganz zu schweigen von anderen Religionsangehörigen, wie Buddhisten, Hindus und Juden? Natürlich wird niemand gezwungen Weihnachten zu feiern (obwohl Weihnachtsdeko durchaus sehr penetrant sein kann, aber das ist ein anderes Thema). Auf der anderen Seite: Weihnachten ist so tief in der westlichen Kultur verwurzelt, dass man sich zwangsläufig gesellschaftlich selbst ausschließt, wenn man sich gegen Weihnachtsfeiern auf der Arbeit etc. wehrt. Gerade für Kinder kann es schwierig sein zu verstehen, warum andere Kinder an Weihnachten Geschenke bekommen und sie selber nicht. Dieser unvermeidbare Konflikt mit der eigenen Identität, führt nicht christlich erzogenen Kindern schon früh vor Augen, dass sie an bestimmten Teilen des gesellschaftlichen Lebens nicht teilnehmen können bzw. dürfen. Aber ist dieser Konflikt wirklich unvermeidbar?

Weihnachten, das Fest der Liebe – ein Widerspruch in sich

Die letzten zwei Abschnitte haben viele Fragen aufgeworfen, ohne sie zu beantworten. Kern dieser Fragen ist das Verhältnis zwischen Weihnachten und Christentum. Für mich lautet die Antwort: Weihnachten und Christentum haben nichts mehr miteinander zu tun. Warum? Nächstenliebe gilt als Kernbotschaft des Christentums und gerade Weihnachten wird als „das Fest der Liebe“ gefeiert. Aber wie scheinheilig ist es denn, gerade an Weihnachten von Nächstenliebe zu sprechen, während der Weihnachtskonsum unser Klima zerstört und die Lebensgrundlage von Millionen Menschen im globalen Süden gleich mit? Während Menschen in anderen Ländern für einen Hungerlohn unsere Geschenke herstellen? Es mag schon sein, dass der ein oder andere seine obligatorische Spende zur Weihnachtszeit tätigt (laut Statista gaben 2016 18% der Befragten an zur Weihnachtszeit Geld spenden zu wollen). Aber steht das in einem ernstzunehmenden Verhältnis zu den durchschnittlich 472 Euro, die Deutsche über 12 Jahren für Weihnachtsgeschenke ausgeben[4]? Besonders glaubwürdig ist das Weihnachtsfest im Bezug auf die immer so hoch beschworenen christlichen Werte also nicht. Aber das scheint ein Phänomen unserer Zeit zu sein: AfD-Anhänger, die völlig jenseits christlicher Werte stehen, aber das „christliche Abendland verteidigen“ wollen. Die CDU, die das C im Namen nicht verdient, da sie mit ihrer einfalls- und ambitionslosen Klimapolitik die Natur – oder, um im christlichen Wortschatz zu bleiben, „die Schöpfung“ – zerstört. Ein Weihnachtsfest, das gegen jegliche christliche Werte verstößt. Ist es also ein größerer Widerspruch als Nicht-Christ oder als Christ Weihnachten zu feiern?

Alle Jahre wieder?

Mein Fazit: Ich kann mich, genau wie viele andere Menschen, mit dem Weihnachtsfest, so wie es bei den meisten Leuten in Deutschland gefeiert wird, nicht wirklich identifizieren. Aber das heißt nicht, dass ich Weihnachten an sich ablehne. Das Problem ist lediglich, dass Weihnachten als Tradition gilt und oft so getan wird, als hätte man nur zwei Optionen: Weihnachten feiern, oder eben nicht. Dabei ist es gerade bei Traditionen wichtig, dass man sie hinterfragt und dass man sie an die Zeit und an das eigene Weltbild anpasst. Jeder kann seine eigenen Traditionen entwickeln und für jeden kann Weihnachten etwas anderes bedeuten. Weihnachten kann für die einen ein christliches Fest sein, für die anderen einfach ein Familienfest. Es kann eine Zeit des Konsums sein, oder eine nachhaltige Zeit, in der wir durch Upcycling und DIYs ganz persönliche Geschenke gestalten. Denn Weihnachten kann – für alle – sehr schön sein, wenn man es so gestaltet, dass es zu einem passt. Da kann aus Lametta, Kartoffelsalat und „Last Christmas“ gerne auch selbstgebastelter Baumschmuck, Falafel und eine Metal-Version von „Last Christmas“ werden.

[1] Quelle: UBA

[2] Quelle: BAMF

[3] Sunniten, Aleviten, Zwölfer Schiiten und andere

[4] Quelle: Befragung der FOM

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