Umweltkatastrophe und Perspektivlosigkeit in Guinea

Die Republik Guinea

Das Land, das auch als Land der Südflüsse bekannt ist, liegt in Westafrika. Im Jahr 1958 wurde es der erste westafrikanische Staat, der von Frankreich unabhängig wurde. Das führte zu einem vollständigen und sofortigen Zusammenbruch der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen mit der Kolonialmacht Frankreich.

Als Reaktion auf die Unabhängigkeitsabstimmung und als Warnung für andere französischsprachige Gebiete zogen sich die Franzosen innerhalb von zwei Monaten aus Guinea zurück und nahmen alles mit, was sie konnten. Sie schraubten die Glühbirnen aus, brachten die Pläne für die Abwasserleitungen nach Conakry und verbrannten sogar die Medikamente, anstatt sie den Guineern zu überlassen.

Heute leben in Guinea mehr als 12 Millionen Einwohner_innen. Französisch ist immer noch die offizielle Sprache.

Rohstoffabbau

Der Boden Guineas ist reich an Metallen wie Gold, Eisen und Bauxit. Das guineische Bauxit ist heute der Rohstoff für einen großen Teil des weltweit produzierten Aluminiums in der Auto- und Flugzeug- und Konsumgüterindustrie (z.B. Aluminiumdosen und Alufolie).

Die Unternehmen des Globalen Nordens (größtenteils westliche und asiatische Unternehmen) nutzen die uneindeutigen guinei­schen Gesetze aber aus, um das Land praktisch zu enteignen und bieten den vorherigen guineischen Besitzer_innen keine angemessene Entschädigung. Die Konzerne errichten Minen, um die wertvollen Metalle aus dem Boden zu holen.

Die Enteignungen des Landes und die Angst davor verschärfen die sowieso schon prekäre Situation im Landesinneren Guineas. Dort gibt es ebenfalls einen völligen Mangel an Infrastruktur. Im Landesinneren von Guinea zu leben bedeutet verglichen mit dem Leben in den Städten: Zugang zu 5-mal weniger Ärzt_innen und Hebammen und bis zu 10-mal weniger Gesundheitseinrichtungen einschließlich privater Kliniken. Zugang zu 10-mal weniger Grundschulen, 7-mal weniger Sekundarschulen und Gymnasien und 20-mal weniger Hochschul- und Berufsbildungseinrichtungen (einschließlich privater) in einem durchschnittlichen Umkreis von 5 km für Grundschulen, 10 km für Hochschulen und bis zu 100 km für Universitäten. Dort leben 80% der ärmsten Bevölkerung und das  durchschnittliche Jahreseinkommen liegt bei schätzungsweise 98.000 GNF (weniger als 2% des Mindestlohns), was 8-mal weniger ist als in Conakry, der Hauptstadt (Quelle: nationales Institut für Statistik).

Landflucht

Als Landflucht bezeichnet man die nachhaltige Bewegung von Menschen aus ländlichen in städtische Gebiete. Die Landflucht in Guinea nimmt im Vergleich zu dem Rest von Westafrika stärker zu, nicht weil die Geburtenrate am höchsten ist, sondern weil jedes Jahr viele Präfekturen und Unterpräfekturen im Landesinneren die arbeitsfähigen Menschen an profitversprechendere Gegenden verlieren. Während viele Menschen aufgrund von Landenteignungen gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen, geben viele andere ihre landwirtschaftlichen Aktivitäten auf, weil sie sich ein besseres Leben erhoffen.

Das hat auch zur Folge, dass die Städte schnell anwachsen und die Qualität des Stadtlebens sinkt. Grünflächen verschwinden, die Mietpreise schnellen in die Höhe und die Kriminalität steigt. Mangelnde Hygiene und Unsicherheit prägen das Leben in der Stadt. In den Bergbauregionen gibt es dasselbe Phänomen, wie zum Beispiel in der Region Boké im Nordwesten Guineas, in der es Dutzende von Bauxit-Tagebrüchen gibt, oder in der Region Bouré im Nordosten Guineas, die für die Qualität ihres gelben Metalls bekannt ist – Gold.

Klimakatastrophe

Auch für die Umwelt hat der Metallabbau Folgen: Ganze Wälder werden abgeholzt, Ökosysteme zerstört. Die giftigen Abfälle der Minen gelangen oft ohne Filterung in die Flüsse und in die Luft. Sauberes Wasser, auf das die Gemeinden zum Trinken, Waschen und Kochen angewiesen sind, ist in den vergangenen Jahren knapp geworden. Davon sind vor allem Frauen betroffen, denn sie sind meist für das Wasserholen zuständig und müssen nun längere Wege gehen oder lange warten, um Zugang zu alternativen Quellen zu erhalten.

In der Region Bouré zum Beispiel ist der Mangowald zwischen 2014/15 einer riesigen, mehrere Meter tiefen Ausgrabung gewichen, in der sich die Bevölkerung verfünffacht hat und nichts anderes getan wird als Goldwaschen. Ein Teil dieser Bevölkerung, die in die goldhaltigen Gebiete von Siguiri abgewandert ist, hat dafür ihre traditionellen und nachhaltigen landwirtschaftlichen Aktivitäten aufgegeben.

Widerstand

Politischer Aktivismus gegen diese Misswirtschaft und Widerstand gegen diese kapitalistischen Zustände sind in Guinea sehr gefährlich. Die korrupte Regierung ist auf Seiten der ausländischen Industrie, weil sie sich an den Steuereinnahmen bereichert. In Demonstrationen schießt das Militär auf Menschen und politische Aktivist*innen werden verhaftet, gefoltert und getötet. Oft verschwinden Menschen mitten in der Nacht und werden danach nie wieder gesehen. Viele Menschen, die mit dieser Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit konfrontiert sind, verlassen das Land und manche von ihnen kommen nach Europa.


Von Diallo und Freddie von Locals United Kassel.

 

Photo by Patrick Pankalla on Unsplash

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