Sollte sich die Klimabewegung radikalisieren?

Aktuell ist die Klimabewegung sehr breit aufgestellt. Es ist für jeden was dabei – egal ob man auf einer Demo für Klimagerechtigkeit, Postwachstum oder den Kohleausstieg mitmachen will, ob man eine Straße, ein Kohlekraftwerk oder einen Flughafen blockieren will – jede*r findet etwas, was sie*er sich gerade zutraut, sich vom Aufwand und den Risiken her leisten kann und wo er*sie dahintersteht. Im Moment sehen sich immer mehr Menschen gezwungen, im Angesicht der Klimakrise und den wenigen Maßnahmen gegen sie stärker und radikaler gegen sie anzukämpfen. Das ist auch gut so, und ziviler Ungehorsam kann genauso ein Mittel in der Demokratie sein wie eine angemeldete Demo, aber trotzdem finde ich es ungeheuer wichtig, dass jede Bewegung und Organisation bei ihrem Themenfeld und ihrer Protestform bleibt. Nur dann kann die Klimabewegung weiterhin so groß und vielfältig bleiben!

Wie bleibt Protest anschlussfähig?

Wenn man in unserer Aktivist*innen-Blase lebt, vergisst man schnell, wie viele Menschen das Ausmaß der Klimakrise noch nicht annähernd verstanden haben und sich persönlich angegriffen fühlen, wenn man ihnen erklärt, wie schädlich ihr Steak ist. Während diese Menschen trotzdem zu großen Teilen am 20.09.2019 mit Fridays for Future auf der Straße waren, würden sie nie zu einer Blockade von Extinction Rebellion oder Ende Gelände gehen! Würden sich die bürgerlicheren Bewegungen, wie z.B. Fridays for Future radikalisieren, würde das ein riesiges Loch in die Klimabewegung reißen. Noch ist sich die breite Masse in Deutschland der Klimakrise nicht bewusst genug, als dass Aktionen der Größenordnung des 20.09. mit zivilem Ungehorsam möglich wären. Aber trotzdem erfahren „radikalere“ Aktionsformen mit höheren Stufen des zivilen Ungehorsams zurzeit Zulauf (wie zum Beispiel Ende Gelände), was auch den bürgerlicheren und gemäßigteren Protestformen zu verdanken ist. Diese Protestformen zeigen nämlich massentauglich die Ausmaße und Ursachen auf, ohne die Konsument*innen anzugreifen, sondern sprechen die Politik an. So sind immer mehr Menschen bereit, mehr aufs Spiel zu setzen, weil bekannt wird, wie viel auf dem Spiel steht.

Ziviler Ungehorsam als Privileg

Welche Menschen in der Aktivist*innen-Blase oft vergessen werden, sind die, die sich zivilen Ungehorsam nicht leisten können oder für die das Risiko eines Jobverlustes deutlich höher ist als bei anderen. Allein um diesen Menschen eine Plattform zu geben, um sich an der Demokratie beteiligen zu können, sollte sich die Klimabewegung nicht einseitig radikalisieren.

Ein anderer Aspekt ist, dass in anderen Ländern ziviler Ungehorsam sogar tödlich enden kann. Regierungen und Konzerne schrecken nicht davor zurück, für ihre Interessen zu morden. Ein Beispiel ist der nigerianische Aktivist Ken Saro-Wiwa und acht seiner Mitstreiter*innen der Ogoni Bewegung, welche sich für die Beteiligung der Bevölkerung an den Einnahmen aus der Erdölförderung einsetzten. Doch dieser Fall ist einer der wenigen, wo die Mörder, hier der Riesenölkonzern Shell, sogar verurteilt wurden. Shell musste 15,5 Millionen US-Dollar an Saro-Wiwas Mitstreiter*innen und Hinterbliebene zahlen. Nach der Londoner NGO Global Witness wurden im letzten Jahrzehnt mindestens 908 Umweltaktivist*innen umgebracht, nur zehn der Mörder wurden verurteilt. In manchen Ländern ist ziviler Ungehorsam nahezu unvorstellbar, in anderen (wie Frankreich) Alltag, wo auch die dortige Fridays for Future Bewegung zu höherschwelligem zivilen Ungehorsam greift.

Wir sollten unser Privileg des zivilen Ungehorsams schätzen, gleichzeitig müssen wir Menschen, die nicht bereit sind und Menschen, die nicht die Möglichkeit haben, gegen das Gesetz zu verstoßen, weiterhin eine Möglichkeit geben, sich an Protesten zu beteiligen.

Blogbeitrag von Karl


Photo by Alex Radelich on Unsplash

1 Kommentare

  1. Die Radikalisierung eines nennenswerten Anteils der Bewegung würde das Gegenteil dessen erzeugen, was gewollt ist.

    Die renitenteren Gegner der Bewegung würden das medial ausschlachten, das würde der Akzeptanz der Bewegung nach meinem Dafürhalten schaden.

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