Klimaschutz macht nicht Schule

Unsere gefühlte Zeit vergeht immer schneller.

Auf die Plätze, fertig, los!

Schnell muss es sein, und möglichst gut! Diese Eile wird man ja wohl abkönnen! Klar, denn es ist ja Weihnachtszeit! Die schönste Zeit des Jahres, oder?

Die aufgeregten Bürger*innen des Landes, aber auch Schüler*innen besorgen noch schnell bei Amazonas die Geschenke. Kekse backen und Karten schreiben! Die passende Kleidung für das Familientreffen raussuchen, oder halt bestellen. Ups, das hier darf aber auch nicht untergehen! Diese Klausur am 21. Dezember! Oh nein! Am 18.12. schreibe ich ja auch eine. Genauso wie am 15.12. und 10.12… So sieht eine typische Vorweihnachtszeit deutscher Schüler*innen aus.

Glück gehabt?

Aber dieses Jahr haben die meisten Schüler*innen Glück gehabt. Viele Bundesländer, inklusive Niedersachsen, gewähren ihren Schüler*innen zwei Tage mehr Ferien. Nun haben wir schon ab dem 19.12. frei! Laut meiner Erinnerung ist das das erste Mal seit ca. acht Jahren, dass ich keine Klausur zwei oder drei Tage vor Heiligabend schreibe. Ein Grund zum Feiern! Wirklich? Ist der Stress jetzt weg?

Die Missstände in der Schule

Der wahre Grund dafür, dass die Freude über diese zwei freien Tage mehr so unermesslich groß ist, lautet, dass viele Schüler*innen keine Lust auf Schule haben. Nicht verwunderlich, denn das heutige Bildungssystem Deutschlands kommt in seiner grundlegenden Struktur noch aus dem 19. Jahrhundert. Auch Rolf Becker (Bundeszentrale für politische Bildung) stellt fest, dass aktuell und seit Jahrzehnten

„keine einschneidenden institutionellen Veränderungen des schulischen und berufsbildenden Bildungssystems“

stattfinden. Das heißt für die Schule: Viel Frontalunterricht, grundsätzlich muss jede*r ab der Sekundarstufe mindestens sechs Stunden täglich in die Schule, in der 12. Klasse hatte ich 35 Wochenstunden Unterricht. Dazu kommen dann noch Hausaufgaben, Präsentationen, Referate und Klausuren.

Das Bildungssystem gibt einem dann zwei Möglichkeiten: Mitmachen oder nicht mitmachen. Die Aufgaben ausführlich erfüllen oder auch nicht. Einen Großteil seiner Lebenszeit dieses Schuljahres für die Schule aufwenden oder auch nicht.

Aber wer nicht mitmacht, wird bestraft: Hat schlechtere Noten, weniger Anerkennung, weniger Chancen, weniger Freiheiten und am Ende vielleicht nicht den Ausbildungsplatz, den Studiengang und die spätere Stelle, die er oder sie gerne hätte. Letztlich dienen die Noten nur einem Zweck: Selektion. In der letzten Zeit bildet sich daher sogar eine regelrechte Bildungsökonomie. Weshalb nimmt sich der Staat heraus, grundsätzlich allen jungen Menschen so viel Schule aufzwingen zu wollen?

Der noch heute bestehende Gesellschaftsvertrag baut auf folgender Prämisse auf: Die Bürger*innen machen ihre Arbeit (oder Schule) und kümmern sich nach Adam Smith indirekt um das Gemeinwohl. Durch Steuern, Konsum oder die Erschaffung von Arbeitsplätzen. Im Gegenzug sollte sich der Staat an den Daseinsfunktionen beteiligen oder sie erfüllen. Dies sind wohnen, arbeiten, Transport, Versorgung, Erholung, Bildung und Gemeinschaft. Die vorherrschende Meinung in der Gesellschaft und Wirtschaftswissenschaften ist noch immer, dass der Gesellschaftsvertrag nur über kontinuierliches Wirtschaftswachstum erfüllt werden kann. Durch die Schule sollen die Schüler*innen auf die spätere Arbeitswelt vorbereitet werden. Einige Wirtschaftsvertreter*innen versuchen ständig, auf die Schule Einfluss zu nehmen. Dadurch freut sich die Wirtschaft und…

…das Weltklima wird depressiv.

Denn dieser Gesellschaftsvertrag ist längst gescheitert. Seit über 40 Jahren schreitet der Klimawandel voran, der Ökozid rückt wegen der schwindenden Artenvielfalt und der Klimakrise immer näher. Ganz zu schweigen von nationalen und internationalen sozialen Missständen, die häufig auf unser Handeln im Globalen Norden zurückzuführen sind.

Für den BUND und die BUNDjugend ist klar: Das Paradigma des Wirtschaftswachstums muss abgeschafft werden. Denn Staat und Gesellschaft schaffen es nicht ansatzweise, sich um unsere natürlichen Lebensgrundlagen zu sorgen. Dabei wird langfristig nicht nur im weit entfernten und gern ignorierten Globalen Süden, sondern auch im Globalen Norden durch die globalen Umweltprobleme die Erfüllung der Daseinsfunktionen gefährdet.

Staatliche Zurechtweisung

Bezüglich der Inhalte der Schule spart die niedersächsische GroKo-Landesregierung zum aktuellen Klimagesetz nicht mit Selbstlob. Sie behauptet im Entwurf:

„Je früher die entsprechenden Zusammenhänge [Klimawandel] bekannt sind, desto früher kann ein sparsamer Umgang mit Energie und natürlichen Ressourcen im Lebensalltag selbstverständlich werden. Die Erziehungs-, Bildungs- und Informations-träger erfüllen diese Aufgaben im Rahmen ihrer vorhandenen Möglichkeiten.“

So eine Darstellung ist falsch. In meiner gesamten bisherigen Schulzeit habe ich ca. sechs Schulstunden zu den naturwissenschaftlichen Grundlagen des Klimawandels bekommen, im Politik-LK ca. 15 Schulstunden zu den politisch-wirtschaftlichen Zusammenhängen. Aber dabei wurden nur primär Marktinstrumente behandelt.

Auf der allerletzten Seite (S.299) meines Politikbuches „Politik-Wirtschaft. Qualifikationsphase 12 (erhöhtes Anforderungsniveau)“ von Ringe & Weber findet sich tatsächlich die Postwachstumsutopie wieder. Wir haben sie behandelt, nicht weil sie im Kerncurriculum steht, sondern, weil ich dazu freiwillig eine Präsentation gehalten habe. Den Verlust der Biodiversität hat mein Biolehrer ein einziges Mal beiläufig in drei Sätzen erwähnt. Sonst habe ich in der Schule nie etwas zum Artenschwund zu Gehör bekommen.

In meinem Erdkundebuch „Diercke Spezial. Ostasien“ befindet sich eine Doppelseite mit der Überschrift: Südkorea – Musterschüler nachholender Entwicklung – Gemeint ist also ein Land, das brav von den größten Klimasündern der Welt gelernt haben soll und sich nun selbst dahin entwickelt.

Symptom – statt Strukturkritik

In den restlichen Erdkunde-Bänden zieht sich dieses zugrunde liegende Weltbild durch. Natürlich gibt es für die Theorie des Kapitalismus auch ein paar sinnvolle Argumente. Aber eine Reihe von Lehrbüchern des Westermann-Verlages, das nicht auf einer einzigen Seite ernsthaft die eigene Lebensrealität hinterfragt oder klare Selbstkritik übt, weist für mich eklatante Qualitätsmängel auf. Lediglich auf einer Seite (S. 58) des „Diercke Spezial. Subsahara-Afrika“ von Brinkmann-Brock et al. 2019 werden mal die Geflügelimporte aus der EU nach Ghana kritisch dargestellt, da dadurch die lokalen Märkte zerstört werden, wobei dies aber nur Kritik eines Symptoms und nicht der durchaus ebenfalls zu kritisierenden strukturellen Probleme ist.

Solche Vorgaben bereiten mir vor Klausuren Sorge. In einer Wirtschaftsklausur möchte ich hinschreiben, dass es für den Globalen Norden positiv ist, wenn das Wirtschaftswachstum sinkt. Zum Glück haben wir nie so eine Klausur geschrieben. Und zum Glück lassen sich die meisten meiner Lehrer*innen auch auf kontroverse Grundsatzdebatten ein. Dieser Blogeintrag ist nämlich ausdrücklich keine pauschale Kritik an den Lehrer*innen, sondern an dem bestehenden Schulsystem. Denn die Inhalte der Kerncurricula scheinen abweichende Meinungen, die außerhalb des vorherrschenden Gesellschafts- und Wirtschaftssystems stehen, nicht zuzulassen. Im niedersächsischen Kerncurriculum zu Politik-Wirtschaft werden z.B. die „Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft“ verordnet. Das

„Themen wie Reichtum und Vermögen […] unvermeidlich mit normativen Aspekten verwoben [sind]“

stellt Martin Schürz in seinem Buch „Überreichtum“ heraus (Schürz 2020:30) – dies trägt zu einer suggestiven Beeinflussung bei.

Zukunft der Schule

Jürgen Kaube (Herausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“) stellt fest, dass es keine Begründung dafür gibt, welche bestimmten Inhalte in der Schule gelehrt würden. Die Inhalte seien nur Mittel zum Zweck, um Kompetenzen zu vermitteln (Kaube 2019:92ff.).

Ich plädiere für maximal drei Tage Schule mit maximal 17 Wochenstunden. Sehr viel gesellschaftliche Kritik am Bildungssystem aus anderen Bereichen habe ich hier noch ausgeklammert. Bernhard Pörksen spricht sich in seiner selbsternannten Utopie der „redaktionellen Gesellschaft“ für ein Schulfach der Medienbildung aus. Andere Vertreter*innen fordern viel mehr schulische Bildung bei Digitalisierung, künstlicher Intelligenz, Informatik oder interkulturelle Kompetenz.

Ich möchte das im Ansatz einer Utopie vereinen, die bislang alles andere als perfekt ausgestaltet ist. Von den 17 Wochenstunden gibt es ein Schulfach Zukunft mit beispielsweise neun Wochenstunden. Dort werden relevante Bereiche wie Digitalisierung, interkulturelle Bildung, Persönlichkeitsbildung oder eben Umweltverschmutzung in einem angebrachten Verhältnis kombiniert. In den restlichen Wochenstunden werden weiterhin einige, aberdeutlich weniger klassische Inhalte, aber auch weitestgehend neue, wie Psychologie, gelehrt.

Nämlich nicht nur in der Wirtschaft und der Arbeitswelt brauchen wir gemäß der sozial-ökologischen Arbeitskritik grundlegende Veränderungen. Auch im Bildungssystem sind für die sozial-ökologische Transformation dringend umfassende Veränderungen von Nöten.

Nicht wir Menschen sind ineffektiv oder unfähig, wenn uns im Alltag die Zeit ausgeht. Das kapitalistische Wirtschafts- und Bildungssystem zwingt uns dazu.

Zwar würden diese geforderten Inhalte auch eine Bevormundung darstellen, aber sie sind immerhin vernunftgeleitet begründet. Ach übrigens: Klausuren sind in der Utopie schon lange abgeschafft. Es soll ja sichergestellt werden, dass wir die Weihnachtszeit mit viel Backen, vielleicht Schrottwichteln, gemeinsamer Zeit und Hobbys genießen können.


Text von Martin Hagemeyer (Landesvorstand der BUNDjugend Niedersachsen)

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