Geschlecht, Macht, Sprache

Inhaltswarnung: Andeutung von sexualisierter Gewalt und Gewalt gegen inter* und trans* Personen

Wenn die Klimakrise ein Geschlecht hätte, wäre sie vermutlich weiblich. Überall auf der Welt sind Frauen am stärksten von der Klimakrise betroffen, wie zum Beispiel bei dem Tsunami in Südostasien 2004. Dort starben ca. 4 mal mehr Frauen als Männer.[1] Wenn der Klimaaktivismus ein Geschlecht hätte, wäre er auch weiblich. Beim ersten weltweiten Klimastreik waren bis zu 70% der Teilnehmenden weiblich. [2]

Was bedeutet das nun für uns in der BUNDjugend und als Klimaaktivist*innen, als Personen die in Verbänden organisiert sind und in Politgruppen? Wir wollen offen und inklusiv sein, Geschlechtervielfalt anerkennen und geschlechtliche Diskriminierungen abbauen. Am Anfang steht die Auseinandersetzung mit den Geschlechterverhältnissen und unserer eigenen Rolle darin. Dann betrachten wir, inwiefern diese Verhältnisse sich in der Sprache zeigen und wie wir gerechter sprechen können. Von da aus geht es weiter…

Ich lade dich ein, dir zu überlegen, was du eigentlich für ein Geschlecht hast, was bedeutet das für dich und was verbindest du damit? Hast du dich schon mit dem Thema Geschlecht beschäftigt? Wie hast du dich damit auseinandergesetzt? Wo stellst du Geschlechterverhältnisse in Frage und wo verstärkst du sie vielleicht? Nimm dir ein paar Minuten Zeit und mach dir Notizen, wenn du möchtest.

Hintergrund: Woher kommen eigentlich diese Geschlechterverhältnisse?

In unserer Gesellschaft wird Geschlecht oft mit den folgenden Dingen in Verbindung gebracht: Einträge in offiziellen Dokumenten (z.B. Geburtsurkunde, Personalausweis), Namen und Pronomen, Körper, Intimorgane, Hormone, Stimme (hoch oder tief), Sexualität, Kleidung, Haare, Körperpflege, Bewegung, Emotionalität (Weichheit, Verletzlichkeit zeigen können oder nicht). Die Liste kann lange weitergeführt werden und auch durch viele Vorurteile ergänzt werden.

Doch wie entscheidet sich eigentlich, wer welches Geschlecht hat? Das legt tatsächlich eine Person fest: ein*e Ärzt*in. Und zwar bei der Geburt nach einem Blick auf unsere Intimorgane. Doch nicht alle Menschen passen in die medizinische Vorstellung von „weiblich“ oder „männlich“. Diese Menschen bezeichnen sich selbst oft als inter*. In der Gesellschaft gibt es eine vorherrschende Vorstellung von Geschlecht, die wir immer wieder z.B. in Gesetzen, Werbung, Schulbüchern, Kinderbüchern und generell allen Medien und dadurch dann auch in unserem Unterbewusstsein vorfinden können (ob wir wollen oder nicht). In dieser Vorstellung wird davon ausgegangen, dass es Frauen und Männer gibt. Sie finden sich ausschließlich gegenseitig anziehend. Sie sind gegenteilig, also sind Frauen z.B. vermeintlich emotional, fürsorglich und schwach, während Männer rational, wenig fürsorglich und stark sind. Diese Eigenschaften werden als  “natürlich” bezeichnet und durch biologische Merkmale begründet.  Dabei sind diese Vorstellungen in der Realität erst wenige hundert Jahre alt. Davor gab es viele verschiedene Vorstellungen von Geschlecht in Europa und auf der Welt. Außerdem werden die Eigenschaften, die Frauen zugeschrieben werden, abgewertet. So soll die männliche Vormachtstellung in der Gesellschaft aufrechterhalten werden.

Selbstbestimmte Geschlechtervorstellungen

Zunächst einmal ist es wichtig, anzuerkennen, dass Geschlecht nicht „biologisch“ ist, sondern eine soziale Kategorie, die abhängig von geschichtlichen und sozialen Kontexten sehr verschieden war und ist. Körper (und darunter auch z.B. Intimorgane oder Hormonhaushalte) sind alle verschieden und die Einteilung von Körpern in „weiblich“ und „männlich“ wird von Menschen unternommen. Diese Einteilung sollte jedoch nicht von außen erfolgen.

Für mich ist die wichtigste Forderung im Kampf gegen die ungerechten Geschlechterverhältnisse die folgende: Jeder Mensch soll das Recht auf Selbstbestimmung haben: von Geschlecht, von Körper, von Sexualität und auch von Reproduktion. Besonders wichtig ist diese Selbstbestimmung im Moment für:

  • Trans* Personen, denn ihr Geschlecht ist ein anderes als das Geschlecht, das ihnen bei ihrer Geburt zugewiesen wurde und deshalb wird ihr Geschlecht von anderen oft nicht anerkannt. (Das Gegenteil von trans* ist cis.[3])
  • Inter* Personen [4], denn oft werden ihre Körper mit Gewalt in die medizinische Norm gepresst.
  • Nichtbinäre Personen[5], denn ihr Geschlecht ist weder ganz/immer weiblich noch ganz/immer männlich und ihre Existenz wird oft komplett unsichtbar gemacht.
  • Queere Menschen[6], denn ihre Geschlechter und Sexualitäten passen nicht in die gesellschaftliche Normen und sie erfahren dafür Diskriminierung. 
  • Frauen, denn sie werden wie trans*, inter* und nichtbinäre Personen weniger respektiert, nach ihrem Äußeren bewertet, schlechter bezahlt und erleben oft sexualisierte Gewalt.

Beim Abschaffen dieser Ungerechtigkeiten und beim Kampf gegen diese Geschlechterverhältnisse fordere ich, dass wir intersektional denken: Das heißt, wir sollten anerkennen, dass Geschlecht nur eine unter vielen Kategorien ist, die gemeinsam das Leben jeder Person prägen. Wenn wir über FLINT (Frauen, Lesben, inter*, nichtbinäre, trans* Personen) sprechen, sollten wir daran denken, dass Schwarze und FLINT of Color, arme FLINT, be_hinderte FLINT und Sex Worker*innen Perspektiven haben, die im Diskurs oft ausgelassen werden. Was auch immer unsere eigene Lebensrealität ist, es gibt immer Perspektiven, die wir nicht kennen. Deshalb ist es wichtig, sich zu informieren, zu vernetzen und untereinander solidarisch zu sein.

Sprache

Oft beobachte ich eine große Unsicherheit, wie über bestimmte Menschen gesprochen werden kann. Viele Menschen (und auch ich) haben Angst, etwas falsch zu machen, aber genau diese Angst und Unsicherheit wird dann oft auf die betroffenen Personen abgeladen, die sowieso schon eine große Last tragen. Deshalb hier ein paar Tipps:

Gendern

Wir alle gendern unsere Sprache, was bedeutet, dass wir damit bestimmte Geschlechter ansprechen und sichtbar machen. Die verbreitetste Art des Genderns ist das generische Maskulinum (z.B. Aktivisten), bei der nur Männer angesprochen werden. Ebenfalls sehr oft werden die Doppeltnennung (Aktivistinnen und Aktivisten) und das Binnen-I (AktivistInnen) verwendet.

Es gibt verschiedene Varianten, mit denen auch nichtbinäre Geschlechter dazu noch angesprochen und sichtbar gemacht werden können: z.B. Genderstern (Aktivist*innen), Gendergap (Aktivist_innen), Doppelpunkt (Aktivist:innen), Zeichen über dem i (Aktivistïnnen), Apostroph (Aktivist‘innen),… Diese Varianten werden alle als kurze Pause ausgesprochen.

Leider werden auch dadurch wieder Menschen ausgeschlossen und zwar Menschen, die Screenreader zum Lesen benutzen, sowie manche autistische Menschen und Menschen mit Lernschwierigkeiten, für die so das Lesen und Verstehen stark erschwert wird. 

Deshalb ist meine persönliche Empfehlung das Benutzen von neutralen Formen, so oft es möglich ist, wie z.B. Aktivistis, Aktive, Menschen, die Aktivismus machen,…

Sensible Sprache: trans*

Selbstbeschreibungen für trans* Personen sind z.B.: transgender, transgeschlechtlich oder einfach trans* (wobei der Stern für die Vielfalt an Geschlechtern steht, die der Begriff beinhaltet). Menschen, die weder weiblich noch männlich sind, bezeichnen sich oft selbst als nichtbinär/nonbinary. Rechtlich ist es in Deutschland inzwischen auch möglich, den „dritten Geschlechtseintrag“ zu nutzen, doch Vorsicht: es gibt zwar nur drei Geschlechtseinträge, aber viel mehr Geschlechter!

Im folgenden noch ein paar Beispiele, die mir als trans*/nichtbinäre Person oft begegnen:

Das „richtige“ und „eigentliche“ Geschlecht

… ist das Geschlecht, als das ich mich identifiziere und das ich selbst bestimme. Dass es ein biologisches Geschlecht gar nicht wirklich gibt, habe ich ja vorher schonmal erklärt.

Mein Geschlecht war schon immer so!

Viele trans* Personen gehen davon aus, dass sie schon  immer ihr Geschlecht hatten, es aber  falsch bei der Geburt zugewiesen wurde. Bei anderen Personen ändert sich tatsächlich die Geschlechtsidentität. Der Moment, den viele Menschen von außen als den Moment wahrnehmen, in dem sich das Geschlecht ändert, ist in Wahrheit nur der Moment des „Coming Outs“, wo eine Person dem Umfeld sagt, wer sie (vllt. schon immer) ist.

Ich fühle mich als und ich bin …

Geschlecht ist eigentlich immer ein „Gefühl“ und eine „Identifikation“, egal ob eine Person cis oder trans* ist. Am besten ist es, sich konsequent für eine Variante zu entscheiden, denn wenn über die einen gesagt wird, die  „fühlen“ ihr Geschlecht, und über andere, sie “seien” ihr Geschlecht, dann entsteht eine gewisse Hierarchie.

Richtiger Körper

Bin ich im richtigen Körper? Wie fühlt es sich denn an, im „richtigen Körper“ zu sein? Ich mag meinen Körper. Es stört mich aber, wenn Menschen meinen Körper sehen und deshalb automatisch davon ausgehen, ich hätte ein bestimmtes Geschlecht. Also ist das Problem für mich nicht mein Körper, sondern die gesellschaftlichen Vorstellungen von Geschlecht. Es gibt aber auch Menschen, die mit bestimmten Teilen ihres Körpers gar nicht klar kommen – sowohl trans* als auch cis Personen.

Frauen*

Sehr oft wird in feministischen Kontexten der Begriff „Frauen*“ benutzt, der gleichzeitig auch in transfeindlichen Kontexten vorkommt. Das Sternchen wird dabei nämlich häufig verwendet, um bestimmte Menschen als Frau zu bezeichnen, die keine Frauen sind (z.B. nichtbinäre Personen oder trans Männer). In anderen Fällen soll es trans Frauen ausschließen oder als ‚anders‘ markieren. Auch wenn der Begriff oft gut und inklusiv gemeint ist, wäre es viel sinnvoller, genau zu überlegen, was eins eigentlich damit sagen will. Ist es vielleicht: Menschen, die vom Patriarchat benachteiligt sind (z.B. FLINT)? Menstruierende Personen? Menschen mit Uterus? Cis Frauen? Je konkreter es formuliert ist, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass dadurch versehentlich Menschen ein- oder ausgeschlossen werden, die gar nicht ein- oder ausgeschlossen werden sollen. Ein Beispiel könnte z.B. sein, dass ein Austauschsraum zum Thema Menstruation geschaffen werden soll. Manche nichtbinären Menschen und trans* Männer menstruieren, manche cis, trans* oder inter* Frauen menstruieren nicht. Das, was die Menschen im Raum verbindet, ist gar nicht ihr Geschlecht, sondern die Erfahrung der Menstruation. Das sollte auch auf dem Flyer stehen.

Pronomen

Prinzipiell können wir keinem Menschen die Pronomen ansehen, die die Person gerne mag. Betroffen von ‚Misgendering‘ (Annahme eines falschen Geschlechts, Verwendung von falschen Pronomen) sind in erster Linie trans* Personen. Es wäre schön, wenn es irgendwann nicht mehr normal sein wird, einfach die Pronomen einer Person zu erraten. Dazu können wir alle beitragen, indem wir uns immer mit Pronomen vorstellen! Dadurch wird es weniger selbstverständlich, sie zu erraten, und es ist keine so große Hürde mehr für trans* Personen, ihre Pronomen auch bei der Vorstellung dazu zusagen. Doch was sind eigentlich diese Pronomen und wie können wir sie richtig verwenden? Das ist gar nicht mal so unkompliziert!

Zusätzlich zu den Pronomen, die grammatikalisch im Deutschen festgelegt sind als weiblich und männlich (sie und er), gibt es auch sogenannte Neopronomen, die vor allem von nichtbinären Menschen verwendet werden. Davon gibt es viele verschiedene und die Benutzung ist anfangs sehr ungewohnt. Deshalb hier noch ein paar Anregungen aus der Broschüre „Mein Name, mein Pronomen“, die ihr hier nochmal ganz lesen könnt:

https://meinnamemeinpronomen.files.wordpress.com/2015/10/vorschau_layout_zine_2511.pdf

Du kannst die Pronomen dann auch üben, zum Beispiel indem du dir eine kleine Geschichte oder einen kleinen Text ausdenkst und ihn mit einem bestimmten Pronomen durchgehst. Ein Beispiel wäre „Das ist ____ . _____ ist mein_ Kolleg_. ___ wohnt in …. Ich mag an ___ besonders, dass ___  …. Ich habe mit ___ …. zusammen gemacht. ….“

Eine weitere Übung ist, bei Menschen, deren Pronomen du nicht kennst, konsequent den Namen anstatt eines erratenen Pronomen zu benutzen. 

So ungewohnt und schwer es im Moment vielleicht erscheinen mag: Übung hilft hier wirklich weiter. 

Abschluss

Schön, dass du bis hierher gekommen bist. Wie du vielleicht gesehen hast, wird Sprache von der Realität geformt und formt wiederum die Realität. Deshalb ist die Auseinandersetzung mit Sprache auch bei der Veränderung der Geschlechterverhältnisse sehr wichtig. Gut, dass du dich damit auseinandersetzt! Es handelt sich um einen Lernprozess, der vermutlich nie enden wird, auch weil es immer wieder neue Kritiken und gute Ideen für gerechte Sprache gibt. Doch bei der Sprache fängt es auch erst an. Denn es gibt noch viele Strukturen, die geändert werden müssen und zwar auch in der Klimabewegung, wie zum Beispiel: Wer macht welche Arbeit / Aufgaben und wird dafür wie bezahlt/ belohnt/ anerkannt/ wertgeschätzt? Wie konkret können wir sexualisierter Gewalt entgegentreten? Und vieles mehr…


Text von Freddie (Projekt Locals United)

Fußnoten:

[1] https://dgvn.de/meldung/klimagerechtigkeit-und-geschlecht-warum-frauen-besonders-anfaellig-fuer-klimawandel-naturkatastroph/

[2] https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/klimaschutz-warum-es-so-viele-frauen-an-der-klimafront-gibt-kolumne-a-1274166.html

[3] https://missy-magazine.de/blog/2017/02/15/cis-gender/

[4] https://www.liebesleben.de/fuer-alle/geschlechtsidentitaet/inter/

[5] https://queer-lexikon.net/uebersichtsseiten/trans/

[6] https://queer-lexikon.net/2017/06/08/queer/

1 Kommentare

  1. Ich verstehe den Hass und die Hetze gegen die korrekte Genderung in der Sprache überhaupt nicht. Es stört und verletzt mich doch nicht, jemand anders mit den korrekten Pronomen anzusprechen.
    Ich finde es auch super, dass ihr hier über mögliche Pronomen aufklärt, einige davon kannte ich vorher noch gar nicht!
    Das einzige, was es mir immer schwer macht, ist dass das Gender in den seltensten Fällen auch direkt äußerlich erkennbar ist. Da tappe ich ungewollt oft in das Fettnäpfchen und verletze jemanden unabsichtlich.

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