Die Agrarlobby schlägt zurück – „10 gute Gründe Fleisch zu essen“

Von Robert Fisher

Unter anderem als Reaktion auf den im Januar erschienen „Fleischatlas“ veröffentlichte die „Fördergemeinschaft Nachhaltige Landwirtschaft“, zu deren Mitgliedern unter anderem BASF, Monsanto Deutschland und Bayer CropScience gehören, letzte Woche ein „Thesenpapier“ mit dem Titel „10 gute Gründe Fleisch zu essen“. Auch wenn es schön ist zu sehen, dass die Agrarlobby einen gewissen Zugzwang registriert: Der Großteil der 10 „guten Gründe“ ist eine Verhöhnung des Verbrauchers und leugnet jegliche negativen Folgen von industrieller Landwirtschaft und Fleischkonsum. Die haarstreubendsten Thesen habe ich einmal genauer unter die Lupe genommen.

Fleisch ist gesund, schmeckt gut und ist vielseitig.

Das erste Argument, dass zu dieser These geäußert wird, ist die relativ abgedroschene Annahme Menschen seien „von Natur aus Allesesser“ und daher für Fleischkonsum prädestiniert. Zuallererst ist eine biologische Veranlagung noch lange kein Grund, ein gewisses Verhalten fortzuführen. Es entbehrt jeder Logik, auf Kritik an Agrarindustrie und Massentierhaltung mit einem einfachen „das haben wir doch schon immer gemacht“ zu entgegnen.

Wenn man sich dieser Argumentation schon hingibt, dann sollte man den menschlichen Körperbau wenigstens einmal mit dem von Tieren vergleichen, die zweifelsohne Veranlagungen für Fleischkonsum haben. Wenn wir als Fleischfresser geboren sind, wo sind dann unsere Reißzähne und Krallen? Außerdem haben klassische Fleischfresser ein Klappgebiss (anstatt unseres seitlich verschiebbaren Gebisses) und eine 10-mal stärkere Magensäure.

Ein zweites Argument, das die These bekräftigen soll, ist die Behauptung, dass Fleisch „durch ganz unterschiedliche Zubereitungsformen zu Hause oder als Convenience-Produkt geschmacklich variabel und damit sehr vielseitig einsetzbar“ ist. Vielleicht erinnere ich mich nicht richtig, aber jemals jemand Fleischkonsum aufgrund seines Geschmacks oder gar seiner Vielseitigkeit kritisiert? Über welches Nahrungsmittel lässt sich diese Behauptung nicht aufstellen? Das Argument spricht hauptsächlich für den Konsum von Nahrungsmitteln im Allgemeinen, dieser ist meiner Kenntnis nach jedoch unumstritten.

„Massentierhaltung“ hat nichts mit Tierleid zu tun.

Diese These ist schlichtweg eine schwerwiegende Falschaussage. Das Hauptargument zu ihrer Bekräftigung: „Eine Steigerung der ökonomischen Effizienz bedeutet nicht automatisch eine Verschlechterung des Tierwohls.“. Das ist prinzipiell nicht falsch, Effizienzsteigerung und damit verbundene Rationalisierung in Agrarbetrieben führt nicht automatisch zu stärkerem Tierleid. De facto ist es aber so, dass die Möglichkeiten, die es dafür gibt, in den meisten Fällen zulasten der Tiere gehen.

Massentierhaltung an sich steht für die absolute Kommerzialisierung von Tierhaltung. Die „Effizienzsteigerung“ die mit ihr einhergeht erfolgt auf Basis von minimalem Flächenbedarf, geringstem Fürsorgeaufwand und größtmöglichem Ertrag im Verhältnis zur Lebensdauer. Konkret heißt das oftmals: Tiere werden auf engstem Raum zusammengepfercht, prophylaktisch mit Antibiotika behandelt und bis zur Unkenntlichkeit gemästet.
Entscheidend ist nach Meinung der Autoren Folgendes: „Die Möglichkeit, sich tiergerecht verhalten zu können, das Fehlen von Durst und Hunger sowie die Abwesenheit von Angst, Leiden oder Krankheiten.“

Ist die Möglichkeit, sich tiergerecht zu verhalten nicht dann existenziell bedroht, wenn das Tier im Verbund mit abertausenden Anderen als Ware gehandelt wird? Kann Haltung in solchen Massen noch ernsthaft den Anspruch haben, artgerecht zu sein?

Fleischkonsum trägt nicht zur Abholzung von Regenwäldern bei.

Diese Behauptung begründen die Verfasser wie folgt: „Nur etwa 14 % des hierzulande verbrauchten Eiweißfutters stammen aus Importen. Soja ist ein wichtiger Eiweißträger und stammt zum weitaus überwiegenden Teil aus traditionellen Erzeugungsgebieten, in denen der Anbau seit Jahrzehnten erfolgt: die USA, Argentinien und Brasilien.“

Dem aufmerksamen Leser fällt auf: Es gibt einen logischen Konflikt zwischen Überschrift und erstem Satz. Selbst wenn man diese 14 % nicht weiter hinterfragt wird doch klar gesagt, dass auch Soja aus Brasilien importiert wird. Gerade in Brasilien wird der Sojabedarf des globalen Nordens in vielen Fällen den Regenwaldbeständen zum Verhängnis. Nachdem die Autoren das bereits offensichtliche im Text erklärt haben, stellt sich mir die Frage wie man auf die Idee kommt, man trage nicht zur Abholzung von Regenwald bei.
Der Anbau von Futterpflanzen geht nicht zulasten menschlicher Ernährung.

Die Argumentation „Teller oder Trog“ lässt außer Acht, dass viele landwirtschaftliche Flächen aufgrund ihrer natürlichen Eigenschaften nicht für den Anbau von Nahrungsmitteln, sondern als Weide nur durch Wiederkäuer zu nutzen sind. Tiere verwerten zudem oft Getreide, das zur Erzeugung hochwertiger Nahrungsmittel nicht geeignet ist.“

Die Autoren nennen Beispiele, in denen die These tatsächlich zutrifft, entkräften damit jedoch in keiner Weise den Vorwurf. Selbstverständlich verwerten auch Tiere Nahrung, die für Menschen nur bedingt infrage kommen würden. Das Grundproblem ist jedoch die Ineffizienz des Nahrungsmittels Fleisch. Ein Beispiel: Für eine Kalorie aus Fleisch werden zwischen 7 und 10 Kalorien an Futtermitteln in Form von Soja benötigt. So verschärft die Fleischproduktion globale Hungerkrisen und Verteilungsungerechtigkeiten.

Fazit

Das Thesenpapier als Ganzes ist nichts weiter als Tatsachenverdrehung ohne einen Funken Selbstkritik. Auf haarsträubende Art und Weise werden dem Verbraucher in Teilen nachweislich falsche Erkenntnisse nahegelegt und Missstände in der Tierhaltung schlichtweg ignoriert. Die FNL hat auf eindrucksvolle und nahezu realsatirische Art gezeigt, warum wir die Agrarwende besser heute als morgen brauchen.

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