Bericht JBN Workshop Struktureller Rassismus und Klimakrise, 9.-11.10.2020 mit Angela Asomah und Lea Dehning

„Wo kommst du her?“ – erst mal ein unverfänglicher Satz zum Kennenlernen. Oder?

Was hat diese neugierige Frage mit Rassismus zu tun? Und was hat Rassismus mit der Klimakrise und der Umweltbewegung zu tun? Fragen über Fragen, über die viele Menschen noch nie nachgedacht haben und die meisten von uns noch keine Antwort kannten. Umso wertvoller war deshalb der Workshop „Struktureller Rassismus und Klimakrise“, bei dem sich 13 Aktive der BUNDjugend Bayern mit Rassismus, eigenen Privilegien und Diversität im eigenen Verband auseinandersetzten. In Wartaweil am Ammersee haben wir viel Neues gelernt, konnten diskutieren und vor allem Angela und Lea, die beiden Referent*innen der BUNDjugend, mit unseren Fragen löchern.

„Rassismus ist seit Jahrhunderten eine weltweit gesellschaftliche Konstante und Machtstruktur, die alle gesellschaftlichen Ebenen prägt. Diese Struktur wirkt auf alle Menschen innerhalb einer Gesellschaft durch Zuweisung von mehr oder weniger machtvollen Positionen. Deutschland bildet da keine Ausnahme“ von Adibeli Nduka-Agwu, Lann Hornscheidt

Die Anfänge des Rassismus scheinen weit von unserer eigenen Lebensrealität entfernt zu sein. Sklaverei ist verboten und wir leben in einer multikulturellen Gesellschaft. Aber der Kolonialismus prägt bis heute unser Zusammenleben und die vorherrschenden Machtstrukturen. Im Geschichtsunterricht unserer Schulzeit ging es nur rar um diese schwerwiegende und gesellschaftsprägende Zeit. Kant wird uns als großer Aufklärer dargestellt, dass er gleichzeitig aber die Sklaverei und Unterdrückung von Schwarzen legitimierte erfahren wir nicht. Umso lehrreicher war deshalb die geschichtliche Einheit des Workshops, wodurch wir einen guten Einstieg ins Thema gefunden haben.

Kannst du deinen Urlaub im Herkunftsland deiner Eltern verbringen? Kannst du beim Versuch, einen Diebstahl anzuzeigen, faire Behandlung von der Polizei erwarten? Kannst du ohne Probleme nicht zur Schule gehe, um an einer Fridays for Future- Demo teilzunehmen? Ja, ja und ja?

Eigentlich selbstverständlich sollte man meinen, tatsächlich aber ein großes Privileg, fernab von der Realität, in der Millionen von Menschen auf dieser Welt leben. Wie man dieses Privileg erlangt? Zum Beispiel durch die zufällige Fügung keinen Migrationshintergrund zu haben, keiner religiösen Minderheit anzugehören und vor allem weiß zu sein. Wir müssen uns bewusstwerden, was es bedeutet, privilegiert zu sein und welche Nachteile gleichzeitig so viele andere Menschen durch unsere Privilegien und das vorhandene Machtverhältnis haben. Mit „wir“ sind in diesem Fall v.a. all jene Menschen gemeint, die die obigen Fragen alle mit ja beantworten konnten. Denn „wir“ sind es, denen es oft leichtfällt, die Augen vor solchen Problemen zu verschließen – wer selbst betroffen von Diskriminierung (in welcher Form auch immer) ist, weiß ganz genau welche Privilegien ihm/ihr verwehrt bleiben.
Auch wir Autorinnen sind weiß und besitzen einen deutschen Pass. Dadurch haben wir in diesem Land viele Vorteile und uns wird das Leben oft leicht gemacht. Wir selbst können nicht nachvollziehen, was es bedeutet Rassismus zu erfahren. Aber wir können uns gegen Rassismus positionieren. Während des Seminars haben wir uns in einem Reflexionsspaziergang mit unseren bisherigen Erfahrungen, unserem Umfeld und unseren Handlungsmöglichkeiten auseinandergesetzt. Dabei können auch bei weißen Menschen viele Emotionen hochkommen, die schwer einzuordnen sind und vor allem herrscht oft Unsicherheit, wie mit diesen umgegangen werden soll. Wir können nicht von jetzt auf gleich das ganze System ändern, aber durch unsere Aufmerksamkeit und die Sensibilisierung unseres Umfelds können wir das Denken und Handeln der Gesellschaft beeinflussen.

Wir können uns mit dem Thema auseinandersetzen, uns dafür sensibilisieren und unsere Privilegien für den Kampf gegen Rassismus einsetzen. Wir können recherchieren, uns Erfahrungsberichte von diskriminierten Personen anhören und BIPoC Raum für ihre Anliegen geben. Wir können unser eigenes Handeln und die verwendete Sprache kritisch hinterfragen und unser Wissen mit anderen teilen. Wir sollten im öffentlichen Raum bei rassistischen Taten aktiv eingreifen, unsere Positionen nutzen, benachteiligte Personen zu fördern oder antirassistische Organisationen mit finanziellen Mitteln unterstützen. Auch –oder besonders wenn- wir das Glück haben, nicht selbst von Rassismus betroffen zu sein, geht es uns alle was an und jede*r Einzelne kann (und muss) sich im Rahmen seiner Möglichkeiten für eine gerechtere Gesellschaft einsetzen!

www.exitracism.de

Viele der genannten Situationen und Privilegien sind strukturell bedingt. Auf vielen Wirkungsebenen haben wir keine direkte Entscheidungsmacht, nur durch unsere politische Stimme können wir etwas ändern, z.B. Justiz, Medien, Gesundheitssystem. Die Liste der Bereiche, in denen BIPoC strukturell benachteiligt sind, ist traurigerweise sehr lang.

Da für uns als Umweltverband besonders auch der Zusammenhang zwischen Klimakrise und Kolonialismus spannend ist, haben wir uns auch diesem Thema gewidmet. Wir haben gemerkt, dass beide Problemen ähnliche Ursachen und Machtstrukturen zugrunde liegen. Die Staaten des globalen Nordens wirtschaften zu Lasten der Menschen im globalen Süden. Geldgier und Wirtschaftswachstum führen zu Ausbeutung und Ressourcenraub. Die Menschen, die die Folgen am meisten zu spüren bekommen, bekommen aber am wenigsten Raum für ihre Anliegen. Das ist auch in der Klimabewegung sichtbar. In der Bewegung gibt es zwar viele sehr engagierte BIPoC, jedoch stehen diese meist medial im Schatten ihrer weißen Mitstreiter*innen. Oder sie werden von Medien, Politik und Gesellschaft sogar komplett unsichtbar gemacht. Trauriges Beispiel dafür ist die Aktivistin Vanessa Nakate, die auf einem Bild mit mehreren Klimaaktivistinnen als einzige rausgeschnitten wurde.

Auch in der JBN (BUNDjugend Bayern) sind BIPoC nicht sichtbar und kaum bis gar nicht vertreten. Wir müssen uns bewusst machen, dass das auch an unseren Strukturen im Verband liegt. Theoretisch ist jede*r willkommen, praktisch gibt es zu viele Barrieren und zu wenig Sensibilisierung. Um diese Schnittstelle und was die Handlungsmöglichkeiten für uns als Verband sind, ging es zu Ende des Wochenendes. Wir haben diskutiert, reflektiert und viel dazu gelernt. Jetzt wollen wir handeln, denn es ist schockierend, wie wenig inklusiv und divers wir in unserem Landesverband sind. Und wir haben eine lange Liste an Dingen erarbeitet, die wir tun können. Allem voran werden wir jetzt einen AK Vielfalt auf Landesebene gründen, der sich mit dem Thema weiter auseinandersetzt. Außerdem werden weitere Workshops und Fortbildungen organisiert, um Haupt- und Ehrenamt zu sensibilisieren.

Auch wenn die zwei gemeinsamen Tage für dieses unglaublich wichtige und umfangreiche Thema viel zu kurz waren, war es ein sehr spannendes und gelungenes Wochenende. Danke an Angela und Lea, die uns die Augen geöffnet haben. Durch euch sind wir motiviert das Thema in der JBN voranzutreiben.

Von Fabia Lausberg und Cilli Thalhammer

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