Angst, Privilegien und Solidarität – Wie die Corona-Krise unsere Gesellschaft verändert

Leere Regale, geschlossene Schulen und ausgestorben Straßen. Bilder, die die meisten von uns nur aus dem Fernsehen kennen, finden auf einmal direkt vor unseren Haustüren statt.

Ich bin 2001 geboren. Ich bin Teil einer Generation, die die Worte Wirtschaftsabschwung und Krieg zwar in den Nachrichten gehört, aber nie erlebt hat. Zumindest die meisten von uns. Eine überwiegend privilegierte Generation, die glaubt, es würde immer so weitergehen. Mit der Sorglosigkeit, dem Konsum und den Privilegien. Mit der Gewissheit, dass Krisen überall stattfinden, nur nicht bei „uns“. Nicht zuletzt deshalb hat es so lange gedauert, bis die letzten jungen Leute verstanden haben, dass es nicht okay ist, sich weiterhin mit Freund*innen im Park zu treffen. Dass wir alle zuhause bleiben und Verantwortung tragen müssen. Egal, ob wir Risikogruppe sind oder nicht.

Doch nicht nur für junge Leute, sondern auch für den Rest der Gesellschaft ist die Blase, in der wir normalerweise leben, zumindest ein Stück weit geplatzt. Die Corona-Krise macht – genau wie die Klimakrise – unsere Privilegien sichtbar: sowohl im globalen Kontext, als auch innerhalb Deutschlands. Uns fällt auf, dass in anderen Ländern nicht jede*r automatisch krankenversichert ist, dass nicht jede*r ein Dach über dem Kopf hat, in das er sich zur häuslichen Quarantäne zurückziehen kann und nicht jede*r Wasser hat, um sich die Hände zu waschen. Dass in der sogenannten Risikogruppe nicht „nur“ alte Mensch sind und dass auch Menschen, die an den Außengrenzen der EU festgehalten werden, nicht vom Virus verschont bleiben.

Wir merken, wie unterschiedlich stark uns diese Krise trifft. Und damit meine ich nicht, ob wir zur Risikogruppe gehören oder nicht. Was ich meine ist, dass ich persönlich Homeoffice bei meiner Familie machen kann, weiter mein Gehalt ausgezahlt bekomme und es mein größtes Problem ist, mich für längere Zeit nicht mit meinen Freund*innen treffen zu können. Dass meine Mutter als verbeamtete Lehrerin privatversichert ist, weiterhin ihr Geld verdient und ein paar Wochen nicht in die Schule muss. Die Mutter eines Schülers von ihr hingegen hat ihren Job als Putzkraft verloren.

Krisen verschärfen immer bestehende Diskriminierungen: Wer es sich nicht leisten kann, zuhause zu bleiben und vielleicht sogar mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren muss, läuft größere Gefahr sich anzustecken. Ein anderes Beispiel: Queere Jugendliche sind überdurchschnittlich häufig von Obdachlosigkeit betroffen. Das liegt daran, dass immer noch ab und zu junge Leute von ihren Eltern vor die Tür gesetzt werden, wenn sie sich outen. Wer auf der Straße lebt, ist nicht nur anfälliger dafür, sich ein Virus einzufangen, sondern gehört häufig aufgrund von Vorerkrankungen und schlechter Ernährung zur Risikogruppe. Kommen dir die Beispiel bekannt vor? Die Corona-Krise verhält sich in dieser Hinsicht nämlich fast genauso wie die Klimakrise. Krisen treffen uns alle. Verschiedene Formen von Privilegien und Diskriminierung führen jedoch dazu, dass sie uns unterschiedlich stark treffen.

Unterschiedlich ist auch, wie wir uns in diesen Situationen verhalten. Ich glaube, es gibt prinzipiell zwei Arten, wie Menschen mit schwierigen Situationen umgehen:

Auf der einen Seite sind da Angst und Egoismus. Wir sehen das aktuell an Hamsterkäufen: Jede*r fürchtet, der oder die Letzte zu sein, nichts mehr abzubekommen und hat keinerlei Vertrauen darauf, dass man im Zweifelsfall Hilfe von Nachbar*innen und Freund*innen bekommt. Dieser Egoismus geht so weit, dass Menschen Desinfektionsmittel aus Krankenhäusern klauen. Dort, wo es am dringendsten gebraucht wird.

Und auf der anderen Seite Solidarität: Wenn junge Leute ihren älteren Nachbar*innen anbieten, sie mit Einkäufen zu versorgen. Wenn Familien seit Tagen an geschlossenen Grenzen im Stau stehen und Anwohner*innen ihnen Wasser bringen und wenn Ärzt*innen sich unermüdlich um Kranke kümmern. Menschen applaudieren aus den Fenstern, um sich bei ihnen zu bedanken. Doch Solidarität ist ein Kartenhaus. Wird eine Karte gezogen, fällt es in sich zusammen. Fängt eine*r damit an, Klopapier zu hamstern, tun es alle.

Aus meiner Sicht würde ich sagen, dass in dieser Krise die Solidarität gegenüber dem Egoismus überwiegt. Deshalb sollten wir auf die positiven Seiten der Krise blicken. Ich will damit nichts schönreden. Ganz im Gegenteil. Das Corona-Virus zeigt uns, wo in unserer Gesellschaft Dinge schieflaufen: Dass Pflegepersonal mehr Anerkennung braucht – nicht nur Applaus, sondern finanzielle Anerkennung. Dass Rassismus gegen Asiat*innen ein bisher viel zu oft verdrängtes Thema ist. Dass unser Wirtschaftssystem eine instabile Finanzblase ist. Und nicht zuletzt, dass wir weit von sozialer Gerechtigkeit entfernt sind. Wir können viel aus dieser Krise lernen.

Gleichzeitig ist sie in vielerlei Hinsicht eine Chance, alte Gewohnheiten abzulegen und scheinbar Festes zu hinterfragen. Denn für fast alle von uns hat sich der Alltag in den letzten Wochen stark verändert. Soziale Netzwerke sind voll von Ideen, was man zuhause alles machen kann. Unter anderem liest man, man solle die Zeit nutzen, um mal wieder den Kleiderschrank und die Regale auszusortieren und Dinge erledigen, die schon lange auf der To-Do-Liste stehen. Das sollten wir jedoch nicht nur im Privaten tun, sondern auch im Politischen. Jetzt ist der perfekte Zeitpunkt, um Probleme anzugehen, die wir schon lange hätten angehen sollen, um gesellschaftliche Diskurse zu führen und unser System umzukrempeln.

Blogbeitrag von Anne


Photo by De an Sun on Unsplash

1 Kommentare

  1. Liebe BUND-JUGEND es ist an der Zeit, auch Euch mal „Danke!“ zu sagen. Deshalb habe ich Euch zum Jahresende eine Spende überwiesen, für Euren unentwegten Einsatz im Umweltschutz, Klimaschutznaturschutz für Menschen, Tiere und Pflanzen, zum Schutz von Mutter Erde… denn es gibt keinen Notausgang…auch wenn bereits 1969 eine Mondlandung war…???
    Es kommen auch wieder andere Zeiten aber die Corona-Pandemie-Kriese ist eine weltweite Herausvorderung, und es ist auch positiv das 93% der Deutschen befolgen, was der Staat angeordnet hat…und weltweit überall befolgt wird, was notwendig ist.
    Bin am 2.10.1942 in NRW geboren es war Bomenangriff… der Arzt konnte nicht kommen…meine Mama und Grossmama haben mir geholfen auf die Welt zu kommen…als ich 3 Jahre alt war, habe ich mit meine Eltern und 3 Geschwistern…Mutter mit dem 5.Kind schwanger…auf der Flucht…den Bombenangriff von Wesel überlebt… ( zwei Wochen nach Dresden ) und gehöre heute… mit 77 Jahren zur Risiko Gruppe der Menschen…in der Corona Pandemie!?
    Es kommen immer wieder bessere Zeiten und wir können sie nutzen für bessere Lebensbedinungen…Im Gesundheitswesen ist da ein riesiges Aufgabengebiet zu bewältigen…Daran arbeite ich schon seit ich 14 Jahre alt war…heute in Bayern seit 1975 intensif beschäftigt bin… wollte Euch Mut mache für Eure wertvolle, enorm wichtige Arbeit…packen wir es an!
    Vor allem in Prävention Gesundheit und Naturmedizin, in Verbindung mit der Schulmedizin… Das kommt jetzt an den Tag, wobei die Schulmedizin und Technische Medizin…die Naturheilkunde mehr und mehr zurückdrängt…das geht nicht…denn wir dürfen nicht jahrmillionen altes Wissen ignorieren, meinen, Schulmedizin und Technik machen alles besser…da muss mindesten 50% zu 50% Naturmedizin und Schulmedizin sich die Waage halten…
    Ausserdem darf das Gesundheitssystem nicht zum riesigen Geschäft mit der Krankheit entarten…

    Bin gerne bereit auch bei Euch mal zu referieren über meine jahrelange erfolgreiche Arbeit bis 2015…in Prävention Gesundheit…denn gesund leben macht grossen Spass!

    Bleibt gesund passt gut auf Euch auf, viel Kraft für Eure Arbeit
    Viele liebe Grüsse
    Elisabeth Krautheim
    Seit 1994 im „BN-BUND e.V. Freunde der Erde-AK-Natur&Gesundheit!“

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