BUNDjugend Blog - ... und jetzt noch die Erde retten!

Radfahren mit Hindernissen

28. November 2016

„Autsch!“ Nicht nur die Sonnenallee ist selbst noch freitagabends eine viel befahrene Straße. Auch auf den angrenzenden Gehwegen herrscht ein reges Treiben. Da kann es durchaus vorkommen, von einer/m Radfahrer*in gestreift zu werden. Als einen kurzen Moment später eine weitere Radlerin versucht, sich an uns vorbeizudrängeln, kann auch eine schüchterne Person wie ich sich nicht mehr zurückhalten: „Wie wäre es mit Absteigen?!“ Eine ketzerische Forderung für genügend Zweiradnutzer*innen.

Das Grundproblem ist eben die primäre Ausrichtung der Infrastruktur auf den Autoverkehr, werden jetzt viele umweltbewusste Menschen sagen. Als Radfahrer*in hast du immer das Nachsehen. Nutzt du die Straße, wirst du von den Autofahrer*innen angepöbelt und musst wie im Computerspiel parkenden Fahrzeugen oder sich öffnenden Türen ausweichen. Der Radweg ist entweder zugestellt, voll mit Schnee, marode oder schlicht nicht vorhanden. Und auf dem Gehsteig hast du schon gar nichts zu suchen.
Alles richtig. Aber schwingt nicht bei dem oben beschriebenen Beispiel etwas ganz anderes mit? Die angesprochene junge Frau dachte vermutlich, mich störe ihr Verstoß gegen die StVO. „Spießer!“, lautete deswegen wohl auch ihre abschließende Analyse, bevor sie in die Dunkelheit des Neuköllner Abends entschwand.

Besser Vorsicht als Nachsicht

Tatsächlich wird Rücksicht in links-öko oder halt-irgendwie-alternativen Kreisen, denen ich mich selbst nicht fern sehe, oft mit Spießigkeit gleichgesetzt. Auch wenn nicht gleich das Gesetzesbuch gezückt und der entsprechende Paragraph zitiert wird. Es reicht, dass es dort (potentiell) drinsteht.
Dabei sind Radfahrer*innen auf dem Gehweg selbst Gefahren ausgesetzt. In erster Linie durch Autos, die aus der Ausfahrt hervorschießen oder dessen Fahrer*innen sie beim Abbiegen nicht im Blick haben. Das Risiko ist besonders hoch, wenn entgegen der Fahrrichtung geradelt wird. Unfälle können aber auch durch zu dichtes Überholen auf dem Gehsteig entstehen. Fußgänger bemerken das leise und zum Teil sehr flotte Herannahen der Räder nicht unbedingt. Und wer kann schon vorhersehen, ob das Kind vor einem im nächsten Moment immer noch so brav neben dem Papa herläuft?

Es ist dringend zu raten, Regeln und Gesetze immer in Verbindung mit dem eigenen Verstand anzuwenden. Die Mutter, die mit ihrem Drahtesel nicht auf die Straße ausweicht, sondern die ersten Radfahrversuche ihres Sprösslings auf dem Gehweg unterstützt, sollte sich nicht mit Anfeindungen beschäftigen müssen. Schließlich sorgt sie für die Sicherheit ihres Kindes und aller anderen Verkehrsteilnehmer*innen. Du kannst aber nicht links und rechts an Passanten vorbeiflitzen, weil du schnell zur Uni musst und das doch bisher immer gut gegangen ist.
Rücksicht erspart nicht nur unangenehme Zwischenfälle. Wäre es nicht auch schöner, mit seinen Mitmenschen eher durch ein nettes Gespräch in Kontakt zu kommen? Die Frage könnte dann zukünftig lauten: „Wie wäre es mit … einem Kaffee?“

von Jasmin Zamani

 

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