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Meine Utopie für das Rheinische Revier im Jahr 2050

23. August 2017

von Janna Aljets

Das Jahr 2050 liegt jetzt noch 33 Jahre vor uns. Das erscheint erstmal als ein kurzer Zeitraum für wirklich große gesellschaftliche Veränderungen. Ich bin selbst vor ungefähr 33 Jahren geboren worden und wenn ich auf den Zeitraum Mitte der 80er blicke, dann wird deutlich, dass große Veränderungen manchmal gar nicht so lange brauchen, wie mensch meint. Mitte der 80er Jahre war es unvorstellbar, dass die Mauer, die Deutschland und symbolisch fast die gesamte Welt geteilt hat, durch den Protest von mutigen Menschen fallen würde und damit auch die Sowjetunion als Unrechtssystem stürzen würde. Es gab trotz schon starker zivilgesellschaftlicher Proteste einen politischen Konsens der Mächtigen zur vermeintlich sichereren Atomkraft und die Forderung nach einem Ausstieg wurde als unrealistisch abgetan. Es war unvorstellbar, dass Männer Männer und Frauen Frauen heiraten dürften.

Ich habe das vorabgeschickt, weil Sie sonst meinen würden, dass meine persönliche Utopie wie ein Hirngespinst klingt, das niemals erreicht werden kann. Ich aber glaube daran, dass wenn wir gemeinsam für eine gerechtere Welt streiten, wir diese auch gestalten können.

Wie also sieht meine Utopie für das Rheinische Revier im Jahr 2050 aus?

Natürlich haben die Tagebaue längst geschlossen und das Gebiet wurde einem umfassenden Renaturierungsprozess unterzogen. Es sind Wälder und Seen zur Naherholung und fruchtbare Ackerflächen für Permakulturgärten entstanden. Die Natur erholt sich langsam von den ökologischen Schäden des Tagebaus. Die Menschen sehen die Natur vor Ort nicht mehr als verwertbare Ressource, sondern als Grundlage allen Lebens an und nehmen nie mehr, als sie brauchen und die Natur zur Erneuerung noch braucht. Die notwendige Energie wird zu 100% aus Wind und Sonne gewonnen und wird von demokratisch verwalteten Betrieben, die den Bürger*innen gehören, produziert. Der Energieverbrauch wurde aber auch stark gedrosselt. Energieintensive Unternehmen wurden geschlossen. Im Rheinischen Revier 2050 haben aber viele Dinge auch keinen Platz mehr: solarbetriebene Apfelsinensaftauspressmaschinen z.B., mit Biodiesel betriebene Kampfjets oder das vermeintliche Menschenrecht auf einen Geländewagen, egal ob Diesel, Hybrid oder Elektro. Der Verkehr ist fast vollständig auf Fahrrad und kostenlosen ÖPNV umgestellt worden. Auf den Autobahnen finden regelmäßig Kunstevents von Künstler*innen aus der ganzen Welt und Spaßwettläufe in Seifenkisten und Rollschuhen statt. Was es dafür gar nicht mehr gibt, ist Werbung: Nirgendwo wird uns erzählt, was wir vermeintlich noch alles kaufen und konsumieren müssten, um angeblich noch glücklichere und bessere Menschen zu werden.

Wovon leben die Menschen jetzt? Die meisten arbeiten nur wenige Stunden am Tag in selbstverwalteten Betrieben, die gesellschaftliche sinnvolle Produkte herstellen oder Dienstleistungen wie Altenpflege oder Kinderbetreuung anbieten. Die Sorgearbeit um Menschen und Natur steht im Mittelpunkt der wirtschaftlichen Aktivitäten, weil sie die Bedürfnisse von Menschen befriedigt. Profitorientierung und Wirtschaftswachstum sind Vokabeln einer vergangenen Ära. Da alle nur noch wenig arbeiten müssen oder auf ein Grundeinkommen zurückgreifen können, haben sie mehr Zeit für ihre Familie, Freund*innen und auch für ehrenamtliches Engagement. Die Frauen und Männer der Region haben sich deshalb zu dezentralen Föderationen zusammengeschlossen, in denen sie selbst über ihre politischen Anliegen entscheiden.

Im Jahr 2050 wird im Rheinischen Revier darüber gelacht, dass hier tatsächlich einmal dreckige Braunkohle verstromt wurde. Ich werde meinen Kindern und Enkelkindern mühevoll erklären müssen, warum wir einmal glaubten, dass das eine gute Idee sei. Der Ausstieg aus der Kohle hat die Menschen vor Ort dazu ermutigt, ganz andere wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Wege zu gehen und ein gerechteres System für alle zu schaffen. Das Revier gilt im Jahr 2050 als internationales Modell- und Vorzeigeprojekt für einen gerechten Strukturwandel.

Falls Zeit; Zitat Brand/Wissen (2017: Seite 171):

„Zukünftiges kann nie als Masterplan entstehen, sondern muss sich im Horizont einer anderen, besseren Welt schrittweise entwickeln. Dazu bedarf es des Mutes im Denken und Handeln, eines gewissen Optimismus und produktiver Selbstkritik, Empathie mit den Schwächeren und Ausgegrenzten und der Bereitschaft der Einmischung und der Kooperation mit progressiven gesellschaftlichen Akteuren.“


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