BUNDjugend Blog - ... und jetzt noch die Erde retten!

Le vent tourne – Aktion auf dem YFoEE Summer Camp

10. August 2015

Sonntag, Halbsechs auf dem Summercamp: Der Kaffee tropft in die bereits halb gefüllte Kaffekanne und erinnert in der Farbe nicht nur entfernt an meine Augenringe. Um mich herum klingt die Party des Abschlussabends sachte aus, nur noch ein paar Unverdrossene stehen in der Küche zusammen, durch die jetzt der Kaffeegeruch zieht. Der Grund dafür, dass ich mich nicht schon längst in mein Bett verkrochen hab, kommt gerade zur Tür rein: Emma-Jayne wird die erste Busladung Leute zum Bahnhof nach Quimper bringen, die sich von dort wieder über ganz Europa verteilen werden. Mein Zug verlässt Quimper zwar erst um Neun, aber Josef hat sich eine Mitfahrgelegenheit organisiert, die er um Sieben erwischen muss. Damit sich die Stunde Shuttleservice nach Quimper lohnt müssen noch ein paar andere in den sauren Apfel beißen. Mit dabei sind noch Julia, Miia und Ana-Maria.

Die letzten vier Tage ging es auf dem Camp hoch her, es fällt fast schwer alle Erinnerung wieder zu sortieren. Auf der Zugfahrt sollte ich dazu aber genügend Zeit finden. Weil das französische Bahnsystem nochmal ein ganzes Stück undurchsichtiger ist als das deutsche, war es irgendwie mögliche ein Ticket für die 1. Klasse zu bekommen, das dabei sogar billiger ist als alle Angebote in der Zweiten. Mir soll es recht sein, so kann ich in Ruhe die Erlebnisse der Woche ordnen, nachdem ich mein Schlafdefizit etwas verringert konnte.

„Don’t nuke our climate!“

Am Mittwoch gab es einen kleinen Exkurs in die Geschichte der französischen Anti-Atomkraft-Bewegung. Hier in der Bretagne wurde Ende der 70er-Jahre das AKW Plogoff verhindert. Jean Moualic, einer der Aktivisten von damals, und ein paar seiner Mitstreiter führen uns über die Hügel, die sich oberhalb der Klippen hinter dem Dorf erstrecken. Kaum vorstellbar, dass hie19630466074_cd190f84f2_zr, wo wir uns nun auf den schmalen Pfaden durch das Meer aus Farnen schlängeln, einst ein Monster von Atomkraftwerk mit vier Reaktorblöcken aus dem Boden gestampft werden sollte. Die Menschen der Bretagne können stolz sein, den Wert ihrer Heimat frühzeitig erkannt und so einen Ort des Widerstandes geschaffen haben, bevor in Wackersdorf überhaupt eine WAA geplant war. Die Freiheit, die hier in Gestalt des Windes vom Meer bläst, zeigt uns, dass es sich jederzeit lohnt gegen die Ungerechtigkeit aufzustehen, die die Zerstörung unserer Umwelt jeden Tag darstellt. Mit einer kleinen Banneraktion am Strand verbinden wir schließlich Vergangenheit und Gegenwart: Atomkraft ist eine der schmutzigsten und die riskanteste Art der Energiegewinnung. Keinesfalls kann diese unkontrollierbare Technik ein Teil der Lösung für die globalen Krisen sein. Dieses Zeichen ist besonders in Frankreich zu setzen, dass nach wie vor 80% seines Stromes aus Kernkraft gewinnt und mit Areva einen der größten Atomkonzerne der Welt in Staatsbesitz hält.

Erneuerbare Energie in Bürgerhand!

Motiviert von den Errungenschaften der Vergangenheit machten wir uns an die Arbeit, neue Orte des Erfolges zu schaffen. Vor der bretonischen Küste liegt recht unscheinbar die kleine, verschlafene Insel Île de Sein. Hier entwickelt sich, angetrieben von den Bewohnern der Insel, eine Bewegung für Energiesouveränität und eine Versorgung mit 100% Erneuerbaren Energien. Noch liegt das Monopol der Stromerzeugung auf der Insel beim staatlich kontrollierten Energieriesen EDF, dem zweitgrößte Energiekonzerne der Welt. Um Nachhaltigkeit in der Stromversorgung schert sich EDF überhaupt nicht: Jährlich werden über 100.000 Liter Diesel in den Generatoren verheizt und beschleunigen damit den Anstieg des Meeresspiegels, der das ohnehin den Naturgewalten ausgelieferte Eiland droht unbewohnbar zu machen. Dem Anliegen der Inselbewohner, die Stromproduktion in die eigene Hand zu nehmen und eine kommunale Windkraftanlage zu errichten, steht damit ein mächtiger Gegner entgegen. Wir als YFoEE möchten daher den Menschen der Insel in ihrem Kampf beistehen, denn ihr Bestreben für eine dezentrale Energieversorgung in Bürgerhand20066142828_0bc605fbc3_z steht beispielhaft für den Wandel, der für ein Europa und eine Welt der Zukunft zwingend nötig ist. Wer so große Zeichen setzen will, muss dafür natürlich jede Menge vorbereiten. Am Donnerstag ist das ganze Camp am werkeln: Einsatzpläne für die große Aktion am Leuchtturm werden geschmiedet, riesige Banner mit unserer Botschaft beschriftet und an einem Totem zur Warnung vor dem steigenden Meeresspiegel geschraubt. Auch Sprechchöre und sogar ein Songtext für die Demo werden erdacht – selbstverständlich auf Französisch, was für einige der englischsprachigen unter uns eine echte Herausforderung ist, die aber durch gemeinsames fleißiges Üben schnell gemeistert wird. Ich habe mich wieder dem Mediateam angeschlossen, dessen Aufgabe es sein wird, Bilder von der Aktion zu produzieren, um die Geschichte der Île de Sein über die Insel hinaus sichtbar zu machen. Positionen und Aufgaben für die Fotograf*innen und Kameraleute werden verteilt, ein Storyboard für den Aktionsfilm gezeichnet und diskutiert, wie wir unser Narrativ – die Botschaft von Energie in Bürgerhand – am besten in Bilder fassen. Während die Farbe auf den Bannern trocknet, schläft das Camp, um am nächsten Morgen fit für die Aktion zu sein.

Freitagmorgen, während des Frühstücks hatte sich eine Gruppe Freiwilliger in die Küche begeben, um im Akkordarbeit Sandwiches für die Horde Aktivisten zu belegen. Team Blue – die Leute, die für die Aktion am Leuchtturm zuständig sind – sind bereits auf dem Weg zur Insel, damit dort bereits alle Vorkehrungen getroffen sind, sobald der Demo eintrifft. Um Elf geht es auch für den Rest von uns los. In zwei Busladungen werden wir nach Saint-Evette gebracht, wo wir noch einige Zeit warten müssen, bis wir auf die Fähre können. Als es endlich soweit ist – die Meisten haben ihren Proviant schon aufgefuttert – wird unsere Unternehmungslust etwas getrübt, als an Bord die Durchsage gemacht wird, wir hätten heute mit stärkerem Wellengang als sonst zu rechnen. Unterstrichen wird diese Ansage von einem Crewmitglied, der in einer Luke unter Deck verschwindet, nur um kurz darauf mit einem Stapel weißer, von Innen mit Folie beschichteter, Papiertüten wieder zu kommen, die er griffbereit an Sitzen verstaut. Über die einstündige Fahrt hüllen wir den Mantel des Schweigens. Angekommen informieren sich einige über die aktuellen Immobilienpreise auf der Insel. Später wieder zurück zu müssen, daran wollen sie erst mal nicht denken.

Nach der dringend benötigten Verschnaufpause am Pier im Hafen von Île de Sein, werden wir von einer kleinen Delegation der Inselbewohner empfangen. Patrick Saultier, Mitglied des Gemeinderats, heißt uns willkommen. Er drückt seine Freude über unser Kommen aus und was es für die Menschen der Insel bedeutet. Malika und Dipti übergeben feierlich das Totem, das, als Bildnis des Leuchtturms mit einer Markierung des Wasserstands, die Gefahren für die Insel durch den vom Klimawandel verursachten Meeresspiegelanstieg anschaulich machen soll. Nun setzt sich der Demozug in Bewegung. Ein Ereignis, das die Insel so vielleicht zum ersten Mal sieht: Hundert Junge Menschen, fast halb so viel, wie die Insel Einwohner zählt, ziehen singend und Fahnen schwenkend an der Seepromenade entlang, durch die Gassen des Dorfes und über die steinigen Ebenen der Insel, hin zum Leuchtturm, der über der Insel thront. Dort wartet bereits Team Blue auf uns mit dem riesigen blauen Banner „Le vent tourne“ – der Wind dreht sich. Man müsste meinen, der Wind sei in dieser Sache unser natürlicher Verbündeter, allerdings ist das himmlische Kind heute ein wenig bockig: Er bläst so stark, dass wir das Banner nicht wie geplant am Leuchtturm hochziehen können. Egal, die Vogelperspekti20254066975_d73fff32a7_zve, die Julie und Rumy von der Spitze des Leuchtturms einfangen toppt alles und im grandiosen Aktionsvideo, das Lawrence aus unserem Material zusammenschneidet, fällt der kleine Faux Pas auch nicht auf. Abschließend statten wir den Tanks für die Dieselgeneratoren, die wir obsolet machen wollen, einen kleinen Besuch ab und schießen noch ein paar letzte Abschiedsfotos mit ihnen. Auf der Rückfahrt sind alle zu erschöpft von den Kämpfen des Tages, als dass der Wellengang sie davon abhalten könnte, an Bord der Fähre ein Nickerchen zu halten.

Am Samstag legen wir mit den Planungen für das nächste YFoEE-Jahr los: Im Dezember wollen wir die Stimme der Jugend auf den Klimaverhandlungen laut zu Gehör bringen. Das will natürlich bestens vorbereitet sein und so wird sich ausgetauscht über Strategien und Planungen in den Mitgliedsverbänden und gebrainstormt, wie wir den bunten Protest für eine gerechte Lösung der Klimakrise in Paris zusammenführen. Auch für das große Camp im Frühling 2016 werden Ideen geschmiedet, wo die Bewegung das erste Mal nach Paris zusammen kommen wird, um globalen Widerstand gegen Fossile Energien weiterzuführen.

Ein letztes Mal gehen wir zum Strand um uns in den Fluten des Atlantiks zu erfrischen und Kraft zu tanken für die kommenden Herausforderungen. Am Abend feiern wir mit einer kleinen Party uns, das Summer Camp, die Bewegung für Klimagerechtigkeit und alle, die für eine nachhaltige und gerechte Welt kämpfen. Josef legt auf. Für mich soll es eine lange Nacht werden.


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