BUNDjugend Blog - ... und jetzt noch die Erde retten!

Die Jugendumweltbewegung zwischen radikaler Systemkritik, politischen Aktionen und ökologischer Alltagsgestaltung

25. Juli 2016 von BUNDjugend

Dieser Text ist eine gekürzte Fassung des Beitrages zur Jugendumweltbewegung für „Degrowth in Bewegung(en)

Über die Jugendumweltbewegung

Die Gründung der Jugendumweltverbände in den 1980er Jahren richtete sich zunächst sehr stark gegen die etablierten Strukturen der Umweltbewegung. Die jungen Umweltaktivist*innen der Gründungsphase waren größtenteils radikales und kritisches Sprachrohr für Selbstständigkeit, Enthierarchisierung und direkte politische Aktionen. Stand der Schutz der Umwelt zwar auch bei den jungen Menschen im Vordergrund, wurde hier jedoch zugleich viel Wert auf Selbstorganisation, Hierarchie- und Bürokratiefreiheit sowie auf die Ablehnung verkrusteter Strukturen von Staat und Wirtschaf gelegt. Im Gegensatz zu den bereits etablierten Umweltverbänden wurden Umweltschutz und Ökologieanspruch mit einer radikalen Systemkritik verbunden.

In der derzeitigen Jugendumweltbewegung organisieren sich Menschen unter dreißig Jahren. Ihnen ist der historische Anspruch an eine basisdemokratische Organisation und Arbeitsweise geblieben. So sind die BUNDjugend, die Naturschutzjugend, die Naturfreundejugend und der Deutsche Jugendbund für Naturbeobachtung bis heute formell basisdemokratisch organisiert.

Positionen, Vorgehensweisen und Themenschwerpunkte werden intensiv zwischen den Landes- und Bundesebenen sowie zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen diskutiert und ausgetauscht. Dies unterscheidet sie stark von internationalen Jugendorganisationen wie der WWF Jugend oder Greenpeace Jugend, die sehr viel stärker hierarchisch aufgestellt sind. Zentral ist auch die föderale Struktur mit einem Landes- und einem Bundesverband, die zum einen regionale Schwerpunkte und Aktionsformen zulässt, zum anderen zentrale – dabei oft langsam und mühselig erscheinende – Entscheidungs- und Veränderungsprozesse nach sich zieht. Auch aufgrund der föderalen Struktur ist ein einheitliches Bild der Jugendumweltbewegung sehr schwer zu zeichnen.

Inhaltlich steht der Schutz der Umwelt, lokal wie global, im Mittelpunkt der Jugendumweltbewegung. Basierend auf den Interessen der aktiven Mitglieder haben sich Themenschwerpunkte herausgebildet, die an Diskurse aus der kritischen Entwicklungspolitik anknüpfen. Aufgrund der großen Themenvielfalt rund um Umweltschutz und nachhaltige Entwicklung sind die Aktiven der Jugendumweltbewegung in der Regel auf vielen gesellschaftlichen Ebenen umtriebig: Sie sind in wirtschaftliche, politische und auch wissenschaftliche Prozesse involviert und bringen dort ihre ökologischen Anliegen ein. Zudem spielt die internationale Vernetzung (zum Beispiel Young Friends of the Earth) eine immer wichtigere Rolle, da viele Umweltprobleme auch in ihrer globalen Dimension erfasst und diskutiert werden und strategische Bündnisse sinnvoll und notwendig sind, um mit ausreichender politischer Schlagkraft zu agieren.

Basis für politische Willensbildung und politische Forderungen

Durch Workshops, Aktionen und Treffen werden jungen Menschen die Fähigkeiten werden, sich kritisch mit etablierten Meinungen auseinanderzusetzen, eigene politische Standpunkte zu entwickeln und diese in Aktionen und Projekten umzusetzen. Die Jugendverbände verstehen sich daher immer auch als Sprachrohr für junge Menschen, um ihre Stimme in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft zu stärken.

Strategisch lässt sich die Arbeit der Jugendumweltbewegung in zwei Bereiche gliedern. Ein Schwerpunkt liegt auf der Bildungs- und Politisierungsarbeit. So soll die breite Bevölkerung auf ökologische Probleme aufmerksam gemacht und für notwendige Änderungen sensibilisiert werden. Hierbei setzt der Bildungsauftrag der Jugendumweltbewegung in erster Linie bei individuellen Handlungsoptionen an, zudem zielt er auf langfristiges Empowerment und lässt junge Menschen so zu politischen Akteur*innen werden. Sie erlernen Fähigkeiten und Kompetenzen, um das eigene Leben ökologischer zu gestalten und auch andere davon zu überzeugen. Der zweite Schwerpunkt ist die politische Lobby- und Kampagnenarbeit, die innerverbandlich als sehr wichtig erachtet wird. Sie zielt darauf ab, Strukturen und Rahmenbedingungen für alternative, ressourcenschonende Lebensstile zu schaffen. In unregelmäßigen Abständen wird mit Demonstrationen, Aktionen und Infokampagnen Öffentlichkeit dafür geschaffen.

Postwachstum, Suffizienz, Transformation? Degrowth!

Neben Klima, Energie und Landwirtschaft ist Degrowth (zunächst unter dem Stichwort Postwachstum) in den letzten zehn Jahren zu einem gesetzten Querschnittsthema für die Jugendumweltbewegung geworden. Die Tatsache, dass unendliches Wachstum auf einem endlichen Planeten nicht möglich ist, ist zu einer Binsenweisheit geworden. Folgerichtig wurde die Kritik an ökologischen Zerstörungen mit einer Ablehnung des bestehenden Wirtschaftssystems verbunden, welches auf die unbegrenzte Ausbeutung natürlicher und humaner Ressourcen angewiesen ist und finanzielle Profite über das Gemeinwohl stellt. Die umweltbewegten jungen Menschen interessieren sich für systemische Fragen und kritisieren ein Wachstums- und Wettbewerbssystem, das auf Kosten von Umwelt und Menschen geht. Obwohl die Aktiven in erster Linie ökologisch motiviert sind, werden Kritik und Aktionsformen immer stärker auch darauf ausgerichtet, die dahinterstehenden Ursachen anzugreifen. Damit teilt die BUNDjugend wie auch andere Jugendumweltverbände die Werte vieler zivilgesellschaftlicher Organisationen, die für einen umfassenden gesellschaftlichen Wandel streiten. Es ist folglich kein Zufall, dass die BUNDjugend das globalisierungskritische Netzwerk Attac mitgegründet hat. Heute werden unter dem Begriff Postwachstum und Degrowth viele Workshops, Aktionen und Projekte organisiert, die sich um eine sozial-ökologische Transformationen von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft drehen.

Degrowth 2014 - Logo

Degrowth als ideologische Referenz

Die neu entstandene Degrowth-Strömung und -Debatte funktioniert wie ein neues Dach, unter dem sich auch die Jugendumweltbewegung gruppieren kann. Hier erkennen die Aktiven Überschneidungen und Gemeinsamkeiten mit anderen Bewegungen, Initiativen und Projekten und können die eigenen Anliegen in einen größeren Rahmen einordnen. All dies passiert auch auf eine wesentlich unkompliziertere Art und Weise als bei den Erwachsenenverbänden. Schließlich sind die meisten jungen Umweltaktivist*innen ohnehin der Meinung, dass ein großer sozialer und ökologischer Umbau notwendig ist.

Suffizientes Leben im Alltag

Als eine zentrale Schnittstelle zwischen der deutschen Degrowth-Bewegung und der Jugendumweltbewegung erscheint uns das Thema der Suffizienz und die Frage danach, wie alle genug haben können. Die jungen Umweltaktivist*innen legen großen Wert auf persönliche Suffizienz und leben vor, wie ein möglichst suffizientes Leben im Alltag umgesetzt werden kann. Sie hinterfragen die herrschende Logik des Immer-höher-schneller-weiter-und-mehr und haben große Freude am Energiesparen, Klimafasten, Teilen und Schenken und an Verpackungsfreiheit. Sie sind die Pioniere eines konsequent ökologischen und nachhaltigen Lebensstils und fordern, diesen auch für andere zugänglich zu machen. Sie haben erkannt, dass der Lebensstil der industrialisierten Länder nur auf Kosten von Umwelt und Natur und von Menschen im globalen Süden zu haben ist und dass der ökologische Fußabdruck ihrer Generation den kommenden auf die Füße fällt. So sehen sie in der persönlichen und gesellschaftlichen Suffizienz eine mögliche Strategie, um nicht nur ökologische Krisen zu vermindern, sondern auch selbst unmittelbar aktiv zu werden.

Suffizienz lässt die eigene Wirksamkeit spürbar werden

Wer die eigene Ernährung, die Mobilität oder das Kaufverhalten ökologischer und nachhaltiger gestalten kann, erfährt unmittelbar, dass hier und sofort etwas veränderbar ist. Viele junge Menschen haben das Vertrauen in schnelle und wirksame Veränderungen auf politischer Ebene verloren, sodass ihnen die Umstellung auf einen nachhaltigen Lebensstil einen Teil ihrer Wirkmächtigkeit zurückgeben kann. Während Forderungen an die politische Ebene oft mit Misserfolg oder Ignoranz enden, kann ein suffizienter Lebensstil unmittelbar Ressourcen schonen – wenn auch die tatsächliche Wirksamkeit oft im Unklaren bleibt. Die eigene Praxis und vor allem die damit verbundene Bereitschaft, neue Dinge auszuprobieren und im eigenen Leben zu experimentieren, liefern viele positive Beispiele für Forderungen aus der Degrowth-Debatte.

Mentalitätswechsel: Suffizienz als Lebensgefühl der Jugend

Die jungen Umweltaktivist*innen zeigen, dass ein suffizienter Lebensstil Spaß machen kann, das eigene Leben bereichert und das Gemeinschaftsgefühl fördert. Die teils als utopisch angesehenen und dafür kritisierten Ideen und Ideale einer nachhaltigen Degrowth-Gesellschaft werden schon jetzt von diesen jungen Menschen gelebt. Sie sind Vorbilder, Pionier*innen und Experimentierende und damit lebender Beweis für einen möglichen gesellschaftlichen Wandel und kulturellen Mentalitätswechsel. Gerade auch in der Auseinandersetzung mit den verkrusteten Strukturen der Erwachsenenverbände wird das auch immer wieder angeführt: „Schaut her, ihr Großen da oben! Während ihr noch debattiert und mit klugen Worte um euch schmeißt, haben wir es schon längst getan. Und wisst ihr was? Es ist ganz einfach und es macht großen Spaß!“

Partnerschaft: Degrowth- und Jugendumweltbewegung

Mit der Degrowth-Bewegung im Rücken können die jungen Umweltaktivist*innen den eigenen politischen Forderungen mehr Gewicht verleihen und sie mit der Forderung nach einer anderen, nachhaltigeren Wirtschaftsweise verbinden. Die Degrowth-Bewegung kann sich wiederum von der Jugendumweltbewegung Orte und Themen des Protests abschauen und Degrowth dadurch sehr viel konkreter machen, als es die theoretische Debatte vermuten ließe.

In diesem Sinne besteht zwischen Degrowth und Jugendumweltbewegung eine Partnerschaft, die beide stärkt und von der das Lobbying für Degrowth-Politik profitiert. Ob dies in einem reformerischen Maße geschieht und zum Beispiel der Ausbau von Fahrradstraßen gefordert wird oder ob die ökologischen Anliegen mit einer scharfen Kritik an ausbeuterischen Strukturen des kapitalistischen Systems verbunden werden, bleibt den Aktiven überlassen. Wie oben gezeigt, ist der Spielraum in der Jugendumweltbewegung hier groß genug, und in der Degrowth-Debatte finden sich diverse Anregungen.

Die Degrowth-Bewegung zeigt uns, dass wir nicht mehr nur an kleinen und schrittweisen Verbesserungen arbeiten, sondern bei unserem Aktivismus immer auch den großen Wandel im Blick behalten sollten. Diese Haltung erfordert eine Portion Zuversicht, Pragmatismus und die Einsicht, dass vieles auf diesem Weg Experimentiercharakter hat. Hier möchten wir auch an uns selbst appellieren, uns auf unsere Wurzeln zurück zu besinnen und auf den widerständigen Geist der Gründung der Jugendumweltbewegung, ohne die zwischenzeitlichen kollektiven Erfahrungen und organisationalen Lernprozesse außer Acht zu lassen. Die Begründer*innen der Jugendumweltbewegung waren mutig genug, einen Systemwandel zu fordern. Traten unsere Vorgänger*innen nicht genau mit dieser Absicht in Aktion, weil sie verkrustete Strukturen aufbrechen und gerechte und ökologische Ideale jetzt leben wollten? All diese Ideen und Ansprüche finden sich heute auch in der Degrowth-Bewegung und ebenso in der Jugendumweltbewegung wieder.

Autorinnen

Katharina Ebinger ist seit Mai 2015 im Bundesvorstand der BUNDjugend für Suffizienz, Postwachstum und Intersektionalität zuständig. Janna Aljets arbeitet seit 2013 in der Bundesgeschäftsstelle der BUNDjugend zu konsumkritischen Alternativen und Postwachstum und hat Degrowth-Veranstaltungen mitorganisiert.


WELTbewusst erLEBEN-Aktionstag der BUNDjugend in Koblenz

3. November 2015 von presse4bundjugend

Schnippeldisko, Upcycling-Workshop und Kleidertausch – ein Tag rund um das Thema Weiterverwendung und Wiederverwertung

12081534_1145821158834345_617315217_nMit guter Laune und großer Freude schnippelten am 26. September die Koblenzer bei der
Veranstaltung der BUNDjugend Koblenz im „Freiraum e.V.“ Früchte und Gemüse. Das besondere hieran war, dass es sich um eine „Schnippel-Disco“ handelte, bei der Lebensmittel verwendet wurden, die nicht zum Verkauf stehen. Es wurden auch Portemonnaies und Briefumschläge aus alten Tetrapaks und Zeitschriften gebastelt: Das nennt man „Upcycling“, wie Recycling aber mit dem Ziel, höherwertige Produkte aus alten Materialien zu machen. Darüber hinaus gab es die Möglichkeit, „neue“ Kleidung gegen seine alte zu tauschen, um ein bisschen Abwechslung in seine Garderobe zu bringen.

Ungeliebtes Gemüse

12071474_836890859752526_1371552928_nDie gesamte Veranstaltung sollte zeigen, dass man aus „Müll“ neue nützliche und persönliche Sachen machen kann. Gemüse und Früchte, die den „Qualitätsanforderungen“ (z.B.: die Form ist nicht normgerecht oder sonstige Schönheitsansprüche…) nicht entsprechen sind trotzdem genießbar und lecker. Die Zucchini, die einen kleinen Schlag hat, würde den ersten Preis für Schönheit nicht bekommen. Das aber ändert doch nicht ihren Geschmack, und deswegen sollten die Geschäfte, diesem Gemüse und diesen Früchten eine zweite Chance geben und diese preiswert anbieten. Oder besser: An Bedürftige spenden.

Bewusster Konsum

12068448_1145821022167692_3708960259281565002_oHeutzutage ist es wichtig auf unseren Konsum zu achten, denn man muss nicht immer was neues kaufen um „glücklich“ zu sein. (Umwelt)bewusst kaufen heißt sich immer fragen: „Brauche ich dieses T-Shirt wirklich? Werde ich es mehr als nur einmal anziehen?“ oder „Woher kommt es? Unter welchen Bedingungen wurde es hergestellt? Und von wem?“, „Ist diese Tomatensauce wirklich gesund? Wird der Bauer genug bezahlt, für seine Arbeit?“. Man sollte daran denken, dass sich viele Energiekosten (Herstellung, Transport, Kältekonservierung…) dahinter verstecken. Und das ist schädlich für das Klima.

Mehrmals verwenden

12045691_1145817082168086_7360561560125935470_oEs ist wichtig sich diese Fragen zu stellen, um in einer faireren Welt zu leben. Warum sollte man kaufen, wenn ungebrauchte Sachen oft kostenlos oder sehr günstig zur Verfügung stehen?
Verpackungen, Flaschen und andere unerwartete Gegenstände des Konsums haben auch ein zweites, drittes oder sogar viertes Leben und können sehr nüztlich und dekorativ werden. Mit dieser ganzen Problematik hat sich die BUNDjugend mit Spaß und Musik beschäftigt. Anders Konsumieren ist die neue Wirtschaft: Die Wachstumrücknahme.


WELTbewusst Stuttgart auf dem Mädelsflohmarkt in Nördlingen

6. Oktober 2015 von presse4bundjugend

Am Samstag, den 26. September fand zum zweiten Mal ein Mädelsflohmarkt in Nördlingen (im bayrischen Schwaben) statt. Gegen den Eintritt von zwei Euro, der als Spende an ein Frauenprojekt in Indien geht, wurde den Besucherinnen viel geboten: Zwei Verkaufsflächen mit Second-Hand-Mode, der lokale Weltladen, eine Band, zwei Friseurinnen, Maniküre sowie leckeres Essen und Getränke.

Und zwischendrin: Der Infostand von WELTbewusst Stuttgart. Von den weit über 500 Besucherinnen im Laufe des Abends schauten viele bei uns vorbei, waren interessiert und motiviert, sich mehr mit den Hintergründen zum Thema Textil zu beschäftigen.

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Ein guter Einstieg ins Gespräch war unser Spiel „Zusammenhänge herstellen“, bei dem die Teilnehmerinnen Kärtchen verbinden sollten, um etwa die durchschnittlichen Löhne in Bangladesch oder den Wasserbedarf von Baumwolle herauszufinden. Wir konnten über die sozialen und ökologischen Folgen der konventionellen Textilproduktion informieren und Alternativen ansprechen – neben GOTS-zertifizierter Kleidung eben auch Second-Hand-Mode.

Dass die Veranstalterinnen des Mädelsflohmarkts am selben Strang zogen und jeder Besucherin zur Begrüßung eine fair gehandelte Stofftasche schenkten, unterstrich die Aussage zusätzlich.

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Die Veranstaltung wurde von WELTbewusst erLEBEN geförert. Vielen Dank an das tolle Organisationsteam in Nördlingen für die fabelhafte Umsetzung und die Einladung an uns! Wir sind froh, dabei gewesen zu sein – und freuen uns schon auf den nächsten Flohmarkt 2016!


Unternehmen in unseren Köpfen

8. September 2015 von presse4bundjugend

Ein interaktiver Theaterabend mit Utz Ebertz und Mir Mubashir von theater*system

Bekanntermaßen warnte der Club of Rome die Industrienationen schon vor gut vier Jahrzehnten vor den „Grenzen des Wachstums“. Heute erinnert die Degrowth-Bewegung daran, dass Wirtschaftswachstum nicht allein glücklich macht. Um die Themen Wirtschaft und Glück ging es ebenfalls in der Veranstaltung „Unternehmen in den Köpfen“, zu der WELTbewusst erLEBEN zusammen mit der interaktiven Theatergruppe theater*system in Berlin-Steglitz eingeladen hatten.

Unternehmensbotschaften beeinflussen unser Denken und Fühlen

DSCF0014Ausgehend von der Annah­me, dass unser Denken und Fühlen durch den Einfluss von Wirtschaftsunter­nehmen und deren Bot­schaften beeinflusst ist, standen wir KonsumentInnen im Scheinwerferlicht. Wer kennt es nicht, das Gefühl eine (Kauf-)Entschei­dung von einer Werbung oder von einer uns durch Werbung vermittelten Idealvorstellung abhängig gemacht zu haben? Die vom kanadischen Theaterma­cher David Diamond, einem Schüler Augusto Boals, entwickelte Technik „Unter­nehmen in den Köpfen“ sucht nach ebensol­chen Entscheidungssituationen im realen Leben der teilnehmenden Zu-Schau­spielerInnen.

Reise ins kollektive Unterbewusstsein

So begaben sich an einem lauen Sommerabend im August acht experi­mentierfreudige TeilnehmerInnen auf der Suche nach Unternehmensbot­schaften auf eine Reise ins Unbekannte – hinein in unsere Köpfe und in un­ser kol­lektives Unterbewusstsein. Im Verlauf dieser Reise manifestierten sich abstrakte Bilder von Werbebot­schaften zu realen zwischenmenschlichen Beziehungen, die – so drückte es eine Teilneh­merIn aus – ersichtlich Druck auf Konsument*innen ausüben. Dies spielerisch zu enthüllen und mittels eines emotionalen und symbolischen Dia­logs mit der Sprache des Theaters auszudrücken, machte den Anwesenden sehr viel Spaß.

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Fair = besser?

In der Diskussion gingen die Meinungen auseinander, inwiefern dieser Druck durch Unternehmensbotschaften wahrhaftig unsere Kaufentscheidungen beein­flusse. Es wurde aber klar, dass wirkliche zwischenmenschliche Be­ziehungen vor ungesunden Unternehmensbotschaften schützen, die Kontrolle über unser Denken und Fühlen zu erlangen versuchen. Ebenfalls zum Weiterdenken regte der Themenkomplex Sozialunternehmen und Zertifizierungen an: Sind die auch ungesund? Inwiefern dient Labeling z.B. mit Fair Trade-Siegeln dazu, unser Gewissen zu beruhigen? Und inwiefern ist das schlecht – oder auch nicht? Kann man den Botschaften von Nachhaltigkeit und fairen Produktionsbedingungen überhaupt trauen?

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Wie gehen wir damit um?

Im Theaterspiel boten die Teilnehmenden Strategien zum Umgang mit Unter­nehmensbotschaften an, so z.B. den Versuch eine Spielfigur, die einen Hybrid aus der Allianz-Versicherung und einem Polizisten darstellte, in ein ernsthaftes Gespräch über seine ehrenwerten(?) Absichten zu verwickeln. Der konkrete Ausgangspunkt der Spielszenen war die Geschichte eines Eis­kaufs in einer lauen Sommernacht.

So überraschte es auch nicht, dass eine Teilnehmerin dann in der Abschlussrunde zu vorgerückter Stunde dazu anreg­te, dass mensch doch auch einmal aufhören dürfe, über ethische und sonstige Probleme nachzudenken, um sich einfach ein Eis zu gönnen. Soviel Glück müsse doch erlaubt sein! Wobei auch diese heilsame Vorstellung eine Werbe­botschaft auslöst: Wie war noch gleich der Jingle der einer großen Versicherung? – „…dann bist Du voll und ganz versichert. Und schließt vom ersten Augenblick, ein festes Bündnis mit dem Glück.“


Vom Wissen zum Handeln – Widerstand und Utopie in Zeiten globaler Krisen. Ein Vortrag von Malo Vidal

19. August 2015 von presse4bundjugend

Veranstaltung im Rahmen der WELTbewusst erLEBEN Postwachstumsreihe des StuRa Leipzig

In Zeiten globaler Krisen stellt sich die Frage, wie sich die Umstände positiv bzw. nicht negativer verändern können- und dies nicht unter global wirtschaftlichen oder staatlichen Gesichtspunkten („ der globale Norden muss schrumpfen“) sondern der eigenen: wie handeln wir und sind wir bereit unsere Lebensgrundlagen anzupassen und zu ändern, zugunsten anderer und nachfolgender Generationen? Und sind wir bereit dies jetzt zu tun („by design“) oder erst wenn es zu spät ist („by distaster“)?

Malo Vidal findet hier eine Anschaulichkeit für das Thema und macht deutlich: es geht! Angefangen mit dem Imaginären, den emotionalen Infrastrukturen, dem festen Rahmen unserer Vorstellungen, gilt es zu hinterfragen, aufzubrechen und Neues zuzulassen – ein langer Selbstprozess. Auch ohne große Einschränkungen der eigenen Bedürfnisse kann es bereichernd sein und zum Guten Leben (Buen Vivir) gehören.

Zeit ist kostbarer als Geld und vielleicht sollten wir mal wieder fragen, was wirklich gut für uns ist: ganz nach dem Motto: „Alles wird besser, aber nichts wird gut.“ Nachhaltig leben, zurück zum Wesentlichen finden: Selbstverwirklichung, Eigenproduktion, Zeit für Reflexion und ein Stück Unabhängigkeit gewinnen.
Malo spricht von kollektiver Emanzipation und dass wir (fast) alle zu individuellen Personen erzogen werden und dazu tendieren, nur an uns zu denken. Es geht um das miteinander leben, solidarisch handeln, um Konsensmoderation und gewaltfreie Kommunikation.

Malo ist freier Bildungsreferent und hat Erziehungswissenschaft, Philosophie und Anthropologie studiert. Er ist Mitglied im Netzwerk Wachstumswende und war an der Organisation der 4. Degrowth Konferenz in Leipzig 2014 mitbeteiligt.

Literaturempfehlungen:

Serge Latouche, Barbara Muraca, Niko Paech: „Zeitwohlstand: Wie wir anders arbeiten, nachhaltig wirtschaften und besser leben“


Klamottentausch und Positivrundgang zu alternativen Orten

19. August 2015 von presse4bundjugend

Veranstaltungen im Rahmen der WELTbewusst erLEBEN Postwachstumsreihe des SturRa Leipzig

Klamottentausch auf dem Hof der Uni Leipzig

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Der kleine Umsonstladen auf dem Campus Augustusplatz der Uni Leipzig: Nach unserer Sammelaktion hatten wir viele Kisten und Klamottenberge mit Sachen die niemand mehr tragen wollte. Bis zu diesem Tag. Ein schöner bunter Tag zwischen sich biegenden Wäscheleinen, Wühlkisten und Verkleidungs-Aktionen. Es kamen so verschiedene Besucher_innen, so viele fragten erstaunt, ob sie das denn wirklich einfach so mitnehmen könnten ohne etwas zu tauschen und so viele gingen zufrieden, dass wir sagen können: Das machen wir jetzt regelmäßig!

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Und was steckt noch dahinter? Wir besitzen (zu) viel und horten Dinge, die Andere vielleicht viel besser gebrauchen können. Second hand nutzt die Ressource weiter und wird genutzt statt neu gekauft.

Positivrundgang- alternative Orte im Osten Leipzigs

DSC01063Nachdem der Konsumkritische Rundgang zum Positivrundgang wurde und in vielen Städten mittlerweile stattfindet, haben wir uns an die Planung für eine kleine Fahrradtour gemacht.

Angefangen im Querbeet, einem Gemeinschaftsgarten in der Neustädterstraße mit Gemüsebeeten und Lehmofen. Besonderes Augenmerk bekommt dieses Jahr die Chilipflanze, die mit verschiedenen Arten und unterschiedlichen Schärfestufen angebaut wurde. Im Garten gibt es regelmäßige Veranstaltungen wie die Flimmerwoche, Färberworkshops oder Bierbrauworkshops.

DSC01060Weiter ging es in den Umsonstladen in der Eisenbahnstraße, der jeden Freitag ab 14 Uhr geöffnet hat. Es ist weniger ein Laden als vielmehr ein Ort, den die Bewohner_innen des Hauses nutzen (für Veranstaltungen, Lesekreise etc.). Einige Leute aus dem Haus haben angefangen, Klamotten zu sammeln und anzubieten – und so entstand der erste Umsonstladen im Osten. Schaut einfach vorbei, es ist sehr entspannt und Ideen sowie helfende Hände sind immer willkommen: „con han hop“ in der Eisenbahnstraße 97

Zum Abschluss ging es ins Nu R. Im Hinterhof eines Altbaus gibt es Schatten und Gemütlichkeit, drinnen ein Büchercafe und jeden Donnerstag auch Küfa. Die Leute erzählen uns, dass sie das Haus selbst renoviert haben und jetzt einmal die Woche hier kochen, ab und an mit Life Musik.


Postwachstum – Sozial ökologisch Wirtschaften: ein Einstieg von Nina Treu

19. August 2015 von presse4bundjugend

Eine Veranstaltung im Rahmen der WELTbewusst erLEBEN Postwachstumsreihe des StuRa Leipzig

Die Wirtschaft und Industrie basieren darauf, die Politik hat es zum Ziel und wir steigern es, indem wir konsumieren, mehr als notwendig wäre: Wachstum. Nicht neu, aber aktueller denn je, bildet die Postwachstumsbewegung eine Vielzahl von unterschiedlichen Stimmen gegen die Wachstumsmaxime. Klar ist: unser Handeln hat Auswirkungen, die global immer schwieriger zu kontrollieren sind: die Ressourcen sind endlich, Energie ist wertvoll und Ungleichverteilungen nehmen zu.

Nina Treu macht deutlich, dass die Lösung nicht auf einer Green Economy basiert: der Ressourcenverbrauch soll hierbei vom Wachstum unabhängig gestaltet sein. Doch dies ist kritisch zu sehen: eine Entkopplung funktioniert kaum vollständig. Auch der Rebound-Effekt spielt eine Rolle: Einsparungen an einer Stelle werden an anderer wieder ausgegeben („Konsum kann niemals nachhaltig sein“). Auch erneuerbare Energie verbraucht Ressourcen, deshalb ist grundsätzlich eine Minimierung des Energieverbrauchs anzustreben.

Auf der individuellen Ebene entwickeln sich seit ein paar Jahren Konzepte, die Alternativen aufzeigen: Sharing Modelle, Wohnprojekte, Gemeinschaftsgärten, Selbsthilfewerkstätten, solidarische Landwirtschaft und Mitglieder-Läden, um ein paar Beispiele zu nennen.

Und auf der gesellschaftlichen Ebene? Zu diskutieren wären hier: Einsatz für mehr Demokratie hin zu Basisdemokratie, Reformierung des Finanzsystems und der Banken, Umverteilung der Arbeitszeit, Minimierung des Naturverbrauches, unterstützen der regionalen (Land-)Wirtschaft, sowie die lokale Ökonomie.

Mehr Infos gibt’s auf: www.konzeptwerk-neue-oekonomie.org

Nina Treu studierte in Heidelberg und Paris Politikwissenschaft, Volkswirtschaftslehre und Recht. Sie ist Mitbegründerin des Konzeptwerks Neue Ökonomie, einen jungen Thinktank mit Sitz in Leipzig, der Konzepte für eine soziale, ökologische und demokratische Wirtschaft entwickelt und verbreitet. 2014 war sie Koordinatorin für Programm und Teamorganisation bei der 4. Internationalen Degrowth-Konferenz.


Ausstellungseröffnung und Gartenfest im Stadtgarten H17

17. Juni 2015 von presse4bundjugend

Anlass zum großen Feiern im Stadtgarten H17 in Leipzig war am 31. Mai die Eröffnung der Wanderausstellung der GartenWerkStadt Marburg „Fruchtbare Erde“ als WELTbewusst erLEBEN-Event des Stadtgarten H17 e.V. Drei Beete wurden dafür schon im Frühjahr mit rankendem blühendem Grün bepflanzt um gemeinsam mit vielen Schautafeln anschaulich vielen Fragen rund um das Thema Boden und Land nachzugehen. Fruchtbarer Boden, in dem es von Leben nur so wimmelt ist einer unserer wichtigsten Lebensgrundlagen.

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Landzugang, Landnutzung und fruchtbare Böden

Doch wer hat eigentlich Zugang zu Land, wie wird es genutzt und warum leseeckegeht immer mehr Boden verloren? Welche politischen und ökologischen Komponenten stehen hinter der Peak-Soil-Diskussion? Was können wir tun, um fruchtbaren Boden zur Verfügung zu haben? Und was haben eigentlich Bohnen mit Bodenfruchtbarkeit zu tun? Warum wird heute eher Baumwolle als Leinen angebaut und was sind die Problematiken? Welche Pflanzen werden als Tierfutter genutzt und welchen Anteil hat der Anbau dieser auf den Äckern weltweit? Was sind Energiepflanzen? Was haben Kerzen, Kekse und Schokoaufstrich mit Palmöl und Landnutzung zu tun? Dies und vieles mehr erfuhren die zahlreichen Besucher*innen beim Rundgang durch die Ausstellung. Das Highlight der Ausstellung ist dabei ein gepflanztes Kreisdiagramm zur anteiligen Nutzung der weltweiten Ackerfläche durch verschiedene Nutzpflanzen.

Kuchen, Kräuter & Musik

_hQE0OcAy7URuAOI69pVhaLh0z5WJqKE9TiuxzySQNsNeben der Ausstellung gab es ein veganes Kuchenbuffet, alkoholfreie Mixgetränke mit Kräutern aus dem Garten und später am Abend ein leckeres veganes Gulasch. Sonniger Funk vom Plattenteller gab das passende musikalische Ambiente dazu, unterbrochen durch die wunderschönen Tangoklänge der Band Lacrime Ballante gegen 17 Uhr und die spannenden Rock-Rhythmen der Band Fon am Abend, die an diesem Tag für Spenden in den Hut spielten. Zum Ausklang des Tages sammelten sich die verbliebenen Gäste um das Lagerfeuer und lauschten einer kleinen spontanen Jam-Session mit Hang-Drum und Klarinette.

Führungen durch die Ausstellung

IMG_8292Das Fazit: viele, viele interessierte Menschen jeden Alters konnten wir an diesem Tag in den Garten locken, konnten so einen Eindruck von biologischen urbanen Gärtnern vermitteln und bekamen sehr viele positive Rückmeldungen zur Ausstellung. Zeitweise war jedes Fleckchen Rasen zwischen den Hochbeeten besetzt. Für eine Führung durch die Ausstellung erwies es sich an dem Tag jedoch als viel zu trubelig – diese wurde am Sonntag den 14. Juni nachgeholt und soll nun weiterhin einmal im Monat bis Saisonende als öffentliche Führung stattfinden.

Mehr Infos findet ihr direkt beim Stadtgarten in Leipzig: http://freiraumsyndikat.de/?p=stadtgarten_h17


Reparatur und Rockmusik

13. Mai 2015 von presse4bundjugend

Am 09.05.2015 fand im Café kaputt von leben.lernen.leipzig e.V. das WELTbewusst erLEBEN Event unter dem Motto „Reparatur und Rockmusik“ statt. Von 14 bis 17 Uhr lockten wir unzählige Besucher*innen des Georg-Schwarz-Straßenfestes mit dem Angebot eines Offenen Reparaturcafés sowie einem Upcycling-Stofftiernähworkshop in unsere Pforten.

CIMG0076Bei Kaffee, Tee und Schorle konnten sich unsere Gäste handwerklich betätigen, dabei das Reparaturcafé  als Ort des Andersmachens kennenlernen und sich mit unserem Team zu den Themen Wegwerfgesellschaft, globale Ungleichheiten und Postwachstumsökonomie austauschen. Als Anregung dienten ausgelegte Broschüren und Informaterialien zu diesen Themen. Ab 17 Uhr wurden die Lichter gedimmt und die Band „The Flood“ gab Ihre instrumentell-vielseitigen, melodiös-rockigen Songs unplugged zum Besten, um noch weitere Menschen für einen Blick in unsere Räumlichkeiten zu begeistern.

CIMG0082Unser Resumé: Repariert wurde letztendlich weniger, gefragt, diskutiert und das Projekt genauer kennengelernt jedoch dafür um so mehr. Oft bekamen wir die Rückmeldung, dass Menschen das Projekt noch gar nicht kannten oder bis zum Fest nicht gewusst hatten, wo wir zu finden sind. Für Einige war auch die Idee eines Reparaturcafés noch unbekannt. So hatten sie eine Chance unsere Angebote und das Team live kennenzulernen. Wir denken, dass wir mit dem Event während des nachbarschaftlich breit besuchten Georg-Schwarz-Straßenfestes eine Erweiterung unserer Nutzer*innenschaft erreichen konnten.

WBerleben-flyer_Cafekaputt_rock_u_reparaturDas Konzert verschaffte unserem Raum eine besondere Atmosphäre: In Mitten des straßenfestlichen Troubels wurde unser Projekt so zu einer kleinen Ruheoase, die neue neugierige Menschen anzog und einlud etwas zu verweilen. Dies diente einer stärkeren Assoziation unseres Ortes mit der Idee einer Postwachstumsgesellschaft in der gemeinsam, kooperativ und entschleunigt Dinge länger nutzbar gemacht werden können – jenseits von Ellenbogengesellschaft und Alltagsstress. Und mindestens ein neuer Nutzer wurde im Rahmen des Konzertes direkt gewonnen, denn der Verstärker des Bassisten ging gleich zu beginn kaputt: Er hinterlieߟ ihn nach im Café kaputt und wird ihn Mittwoch zur Elektrosprechstunde reparieren.

Auch zum internen Teambuildung unter den Mitmachenden im Projekt trug der Event bei, da sich die Ehrenamtlichen hierbei in entspannter Atmosphäre über die (sonst getrennt stattfindendenden) Reparaturangebote hinweg austauschen und das Projekt und Ihre Mitstreiter*innen Ihren Enkeln, Freunden und Bekannten vorstellen konnten, die das Straßenfest besuchten. Über den Tag verteilt besuchten uns geschätzt 100-150 Gäste.

Insgesamt sind wir sehr zufrieden und danken der dem Projekt WELTbewusst erLEBEN der BUNDjugend für die Unterstützung!

Liebe Grüße aus dem Café Kaputt in Leipzig,
Lisi


Event-Reihe „Jacke wie Hose“

18. Dezember 2014 von presse4bundjugend

Während der sonst so konsumlastigen Weihnachtszeit haben wir von JANUN Göttingen zu einer dreiteiligen Veranstaltungsreihe zur Herkunft unserer Kleidung eingeladen. Wir haben einen Film vorgeführt, der den Alltag chinesischer Näherinnen in einer Textilfabrik zeigt, es gab einen Vortrag von Textildesignerin Helen Gimber und als Abschluss haben wir eine Kleidertauschparty organisiert.

IMG_55Den Auftakt bildete der Film „China Blue“, den wir in einem Hörsaal der Universität Göttingen vorgeführt haben. Wie bei all unseren Veranstaltungen war der Eintritt frei. Und wie so oft in Vorlesungen waren die vorderen und hinteren Reihen belegt, während in der Mitte noch ein wenig Luft blieb. Der Film wurde sehr bewegend aufgenommen. Die Anwesenden lobten die Machart – es gibt keinen Sprechertext aus dem Off, sondern nur die in die Kamera gesprochenen Passagen der Protagonistinnen. Hinterher entstand noch eine kurze Diskussion darüber, wie den Leuten der Film gefallen hat, was er in ihnen ausgelöst hat und welche Handlungsspielräume sie sehen. Die gängigsten Antworten: Weniger Kleidung kaufen, Druck auf die Marken ausüben.

Eine Woche später ging es weiter mit dem Vortrag der aus England stammenden Helen Gimber, Mode-Designerin und Upcycling-Expertin von Inkota e.V. Sie sprach nicht nur über die Produktion von Kleidungsstücken, sondern auch über die Aktionen der Clean Clothes Campaign gegen die Missstände in der Industrie. Hervorzuheben ist eine Aktion vor der Eröffnung einer Primark-Filiale in Berlin, bei der auf die Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken hingewiesen und eine Kleidertauschaktion durchgeführt wurde.

IMG_53Helen kritisierte Primark insbesondere dafür, neue Kollektionen in zu kurzen Zeitabständen herauszubringen und dadurch die Fabriken und somit auch die Arbeiter*innen unter Druck zu setzen. Zudem wird so mehr Kleidung produziert, die aufgrund von schlechter Qualität und kurzlebigen Trends weniger lange getragen wird.

Im Anschluss an den Vortrag beantwortete Helen die Fragen des Publikums und verteilte Informationsmaterial, wobei vor allem die Sticker ihrer Aktion „Cool, aber tödlich“, die man unauffällig auf Kleidung in Läden wie Primark und H&M anbringen kann, auf Gefallen stießen.

„Macht ihr das jetzt öfter?“, war die am häufigsten gehörte Reaktion auf unsere Kleidertauschparty, die den krönenden Abschluss der Veranstaltungsreihe darstellte.

In gemütlicher Atmosphäre und bei veganen Keksen und alkoholfreiem Punsch im Göttinger Stilbrvch konnten schöne alte Schrankhüter ausgetauscht werden. Die Begeisterung, die wir mit der Veranstaltung auslösten, zeigte sich auch darin, dass viele der circa 80 – 100 (überwiegend weiblichen) Besucher*innen große Mengen an nicht mehr gebrauchter Kleidung mitbrachten. Die Party brachte uns neben einigen Spendeneinnahmen auch einen Bericht im Göttinger Tageblatt ein. Jedoch fiel uns auf, dass viele Leute mehr Kleidungsstücke abgeladen haben, als sie am Ende wieder mitnahmen. Das mag damit zu tun haben, dass wir auf komplizierte Punktesysteme wie bei anderen Kleidertauschpartys verzichtet haben. Sei’s drum.

Nach drei erfolgreichen Veranstaltungen konnten wir zufrieden zurückblicken und uns vor allem einer Frage stellen: Wohin mit all der übrig gebliebenen Kleidung?

Sie ging als Spende an die Kleiderkammer der Straßensozialarbeit und wird somit hoffentlich noch weiteren Menschen Freude machen.

Für die Organisation der Räume danken wir der Hochschulgruppe Terre des hommes!