BUNDjugend Blog - ... und jetzt noch die Erde retten!

Meine Erfahrungen auf dem Camp for [future]

31. August 2017 von BUNDjugend

Foto: Jörg Farys / BUND

Hallo. Ich bin Anna, 16 Jahre alt und mache momentan ein Schülerpraktikum bei der BUNDjugend NRW. Quasi als Auftakt für mein Praktikum habe ich 2 Tage im camp for [future] verbracht und viele neue Erfahrungen gesammelt.
Es war für mich das erste Mal, bei so einer Aktion dabeizusein und kennenzulernen, was es heißt, für seine eigenen Meinungen auf die Straße zu gehen und zu protestieren. Dazugestoßen bin ich am Samstag, kurz vor der Rote-Linie-Aktion. Ich war ziemlich überrascht, wie groß das Camp doch war; es wurde an alles gedacht: es gab sowohl ein eigenes Küchenzelt (in dem leckeres, veganes Essen gekocht wurde :-)), als auch ein eigenes Pressezelt; Projektzelte und eine Art Wohnzimmer, das große Zirkuszelt.

Ziemlich schnell ging es dann auch schon los zur Rote-Linie-Aktion. Ziel dieser Aktion war es, mit möglichst vielen Menschen eine rote Linie um das rheinische Braunkohleabbaugebiet zu bilden, um so ein klares Zeichen des Protestes zu setzen. Mehrere Kamerateams waren vor Ort und natürlich war die Polizeipräsenz auch dort sehr hoch, wie eigentlich die gesamten 2 Tage durchgehend (auch das camp for [future] stand unter polizeilicher Beobachtung: morgens kam das Ordnungsamt vorbei und prüfte die Lage, und auch ein Polizeiwagen war nie weit entfernt). Als die Polizei später bekannt gab, dass über 3.000 Leute an der Aktion beteiligt waren, war die Freude natürlich sehr groß.

Für mich persönlich war es spannend, so viele Menschen mit ähnlichen Überzeugungen zu sehen, die für ihre Meinungen einstehen und an der jetzigen Situation offen etwas kritisieren bzw. nicht akzeptieren wollen: egal ob jung oder alt, es gab auch viele Familien mit kleinen Kindern in roten Klamotten, sogar Hunde mit roten Halstüchern. 🙂

Anschließend ging es wieder zurück in unser Dorf Kerpen-Manheim, um eine Abschlusskundgebung zu hören und den Tag mit einer Art Straßenfest auszuklingen.

Nachdem ich das Dorf Kerpen-Manheim kennengelernt hatte, war ich ehrlich gesagt etwas geschockt. Alles war so ausgestorben und heruntergekommen, weil die Menschen umgesiedelt wurden. Von den ehemalig rund 1.000 dort lebenden Menschen sind noch ca. 15 übrig geblieben. Aber auch diesen noch übrig gebliebenen Menschen werden von RWE die Häuser abgekauft, sodass früher oder später auch Kerpen-Manheim als Braunkohleabbaugebiet genutzt werden kann.

Das wurde auch nochmal deutlich, als ich abends in die Messe in Manheim gegangen bin: außer ein paar Campteilnehmer*innen waren vielleicht 5 bis 6 ältere Leute in der Kirche, sonst niemand. Ein wirklich verlassenes Dorf.

Wenn ich mir vorstelle, dass ich meine Heimat verlassen müsste, damit alles komplett vernichtet werden kann, um Braunkohle abbauen zu können, kann ich gut verstehen, warum es solche Veranstaltungen wie die Rote-Linie-Aktion gibt: die Leute wollen einfach ein Zeichen setzen, dass sie damit nicht einverstanden sind.

Am Sonntag Nachmittag sind wir dann mit einer Gruppe von ca. 30 Leuten mit dem Bus nach Erkelenz gefahren, um auf dem Marktplatz einen Klima-Flashmob zu veranstalten. Wir haben verschiedene Wetterextreme dargestellt, Lieder gesungen, Flyer verteilt usw. Beeindruckend fand ich, dass die Gruppe immer weiter gewachsen ist, es kamen immer mehr Leute, die sich uns angeschlossen haben und mitgemacht haben. Ein Highlight für mich war, als 5 oder 6 pink gekleidete Menschen vorbeikamen, die „Rythms of Resistance“, und mit cooler Musik richtig Stimmung gemacht haben.

Dennoch hatte ich das Gefühl, dass es die meisten Menschen in Erkelenz eher genervt und gestört hat. Vermutlich auch, weil das Thema Klima in den letzten 2 Wochen ziemlich präsent in den Medien war, im Rheinland ja sowieso.

Nach dem Klimaflashmob war die Zeit auf dem camp for [future] für mich auch schon vorbei.

Insgesamt fand ich die 2 Tage sehr interessant: ich habe neue Leute kennengelernt, und generell war es super spannend, mal live zu erleben, was ich in den letzten 2 Wochen ja nur durch die Medien erfahren hatte.

Natürlich muss man dazusagen, dass die BUNDjugend keine illegalen Aktionen wie Sitzblockaden auf Schienen durchgeführt hat, wie es in den Medien ja viel gezeigt wurde. Ehrlich gesagt war ich da auch ziemlich froh drüber, weil es ziemlich gefährlich hätte werden können.

Insgesamt war es ein aufschlussreiches Wochenende, die Stimmung war gut und ich habe viele neue Sachen und Leute kennengelernt. 🙂


Meine Utopie für das Rheinische Revier im Jahr 2050

23. August 2017 von BUNDjugend

 von Janna Aljets

Das Jahr 2050 liegt jetzt noch 33 Jahre vor uns. Das erscheint erstmal als ein kurzer Zeitraum für wirklich große gesellschaftliche Veränderungen. Ich bin selbst vor ungefähr 33 Jahren geboren worden und wenn ich auf den Zeitraum Mitte der 80er blicke, dann wird deutlich, dass große Veränderungen manchmal gar nicht so lange brauchen, wie mensch meint. Mitte der 80er Jahre war es unvorstellbar, dass die Mauer, die Deutschland und symbolisch fast die gesamte Welt geteilt hat, durch den Protest von mutigen Menschen fallen würde und damit auch die Sowjetunion als Unrechtssystem stürzen würde. Es gab trotz schon starker zivilgesellschaftlicher Proteste einen politischen Konsens der Mächtigen zur vermeintlich sichereren Atomkraft und die Forderung nach einem Ausstieg wurde als unrealistisch abgetan. Es war unvorstellbar, dass Männer Männer und Frauen Frauen heiraten dürften.

Ich habe das vorabgeschickt, weil Sie sonst meinen würden, dass meine persönliche Utopie wie ein Hirngespinst klingt, das niemals erreicht werden kann. Ich aber glaube daran, dass wenn wir gemeinsam für eine gerechtere Welt streiten, wir diese auch gestalten können.

Wie also sieht meine Utopie für das Rheinische Revier im Jahr 2050 aus?

Natürlich haben die Tagebaue längst geschlossen und das Gebiet wurde einem umfassenden Renaturierungsprozess unterzogen. Es sind Wälder und Seen zur Naherholung und fruchtbare Ackerflächen für Permakulturgärten entstanden. Die Natur erholt sich langsam von den ökologischen Schäden des Tagebaus. Die Menschen sehen die Natur vor Ort nicht mehr als verwertbare Ressource, sondern als Grundlage allen Lebens an und nehmen nie mehr, als sie brauchen und die Natur zur Erneuerung noch braucht. Die notwendige Energie wird zu 100% aus Wind und Sonne gewonnen und wird von demokratisch verwalteten Betrieben, die den Bürger*innen gehören, produziert. Der Energieverbrauch wurde aber auch stark gedrosselt. Energieintensive Unternehmen wurden geschlossen. Im Rheinischen Revier 2050 haben aber viele Dinge auch keinen Platz mehr: solarbetriebene Apfelsinensaftauspressmaschinen z.B., mit Biodiesel betriebene Kampfjets oder das vermeintliche Menschenrecht auf einen Geländewagen, egal ob Diesel, Hybrid oder Elektro. Der Verkehr ist fast vollständig auf Fahrrad und kostenlosen ÖPNV umgestellt worden. Auf den Autobahnen finden regelmäßig Kunstevents von Künstler*innen aus der ganzen Welt und Spaßwettläufe in Seifenkisten und Rollschuhen statt. Was es dafür gar nicht mehr gibt, ist Werbung: Nirgendwo wird uns erzählt, was wir vermeintlich noch alles kaufen und konsumieren müssten, um angeblich noch glücklichere und bessere Menschen zu werden.

Wovon leben die Menschen jetzt? Die meisten arbeiten nur wenige Stunden am Tag in selbstverwalteten Betrieben, die gesellschaftliche sinnvolle Produkte herstellen oder Dienstleistungen wie Altenpflege oder Kinderbetreuung anbieten. Die Sorgearbeit um Menschen und Natur steht im Mittelpunkt der wirtschaftlichen Aktivitäten, weil sie die Bedürfnisse von Menschen befriedigt. Profitorientierung und Wirtschaftswachstum sind Vokabeln einer vergangenen Ära. Da alle nur noch wenig arbeiten müssen oder auf ein Grundeinkommen zurückgreifen können, haben sie mehr Zeit für ihre Familie, Freund*innen und auch für ehrenamtliches Engagement. Die Frauen und Männer der Region haben sich deshalb zu dezentralen Föderationen zusammengeschlossen, in denen sie selbst über ihre politischen Anliegen entscheiden.

Im Jahr 2050 wird im Rheinischen Revier darüber gelacht, dass hier tatsächlich einmal dreckige Braunkohle verstromt wurde. Ich werde meinen Kindern und Enkelkindern mühevoll erklären müssen, warum wir einmal glaubten, dass das eine gute Idee sei. Der Ausstieg aus der Kohle hat die Menschen vor Ort dazu ermutigt, ganz andere wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Wege zu gehen und ein gerechteres System für alle zu schaffen. Das Revier gilt im Jahr 2050 als internationales Modell- und Vorzeigeprojekt für einen gerechten Strukturwandel.

Falls Zeit; Zitat Brand/Wissen (2017: Seite 171):

„Zukünftiges kann nie als Masterplan entstehen, sondern muss sich im Horizont einer anderen, besseren Welt schrittweise entwickeln. Dazu bedarf es des Mutes im Denken und Handeln, eines gewissen Optimismus und produktiver Selbstkritik, Empathie mit den Schwächeren und Ausgegrenzten und der Bereitschaft der Einmischung und der Kooperation mit progressiven gesellschaftlichen Akteuren.“