BUNDjugend Blog - ... und jetzt noch die Erde retten!

Was ist das eigentlich „Ernährungssouveränität“ – und wieso ist sie so wichtig…?

28. November 2016 von BUNDjugend

Bericht vom Nyéléni Europe Forum for Food Sovereignty in Rumänien

Ein sperriges Wort: Ernährungssouveränität. Bei dem Versuch die Bedeutung des Begriffs zu erklären, wird einem schnell klar, in einem Satz geht das nicht. Denn das Konzept der Ernährungssouveränität spiegelt genau die Komplexität der Thematik Landwirtschaft und Ernährung wieder.

Auf dem Flyer der deutschen Bewegung für Ernährungssouveränität fasst die Darstellung die komplexe Thematik ganz gut zusammen, wie ich finde.

Flyer_Agrar-polit-Ernähr-souv_Vorderseite_150px

Es geht also um die Art und Weise, wie Lebensmittel produziert, verteilt und konsumiert werden und ebenfalls um die politischen Rahmenbedingungen, die die genannten einzelnen Bereiche betreffen.

Aus der Erklärung von Nyéléni, welche im Februar 2007 beim ersten weltweiten Forum für Ernährungssouveränität in Mali entwickelt wurde lässt sich der Begriff Ernährungssouveränität wie folgt beschrieben:

„Ernährungssouveränität ist das Recht [der Gemeinschaft] auf gesunde und kulturell angepasste Nahrung, nachhaltig und unter Achtung der Umwelt hergestellt. […] Sie ist das Recht der Bevölkerung, ihre Ernährung und Landwirtschaft selbst zu bestimmen. Ernährungssouveränität stellt die Menschen, die Lebensmittel erzeugen, verteilen und konsumieren, ins Zentrum der Nahrungsmittelsysteme, nicht die Interessen der Märkte und der transnationalen Konzerne.“

Das Ziel der Bewegung für Ernährungssouveränität ist also eine radikale Demokratisierung unserer Lebensmittel- und Agrarsysteme. Für diese Veränderung wird in fünf thematischen Achsen gekämpft:

  • Die Art und Weise, wie Nahrungsmittel erzeugt werden verändern!
  • Die Art und Weise, wie Nahrungsmittel verteilt werden verändern!
  • Die Arbeitsbedingungen und sozialen Verhältnisse in Landwirtschafts- und Ernährungssystemen verbessern und neu bewerten!
  • Das Recht auf unsere Gemeingüter zurückfordern!
  • Die Politiken verändern, die unsere Landwirtschafts- und Ernährungssysteme bestimmen!

Die Nyéléni Bewegung verdankt ihren Namen einer Bäuerin aus Mali. Dass die Bewegung den Namen einer Frau, einer Bäuerin aus dem globalen Süden trägt, ist ein wichtiges Symbol dafür, dass Ernährungssouveränität nicht ohne das Ende des Patriarchats und der globalen Ungleichheit erreicht werden kann.

Zum ersten Mal trafen sich mehr als 500 Delegierte aus über 80 Ländern im Jahr 2007 im Dorf Nyéléni in Mali. Damals entstand die Erklärung von Nyéléni, welche die Ziele und Kämpfe der Bewegung definiert.

Das erste europäische Nyéléni Forum fand anschließend im Jahr 2011 in Krems, Österreich statt. Hier wurden von den 400 Delegierten aus 34 europäischen Ländern die fünf thematischen Achsen festgelegt und die Ziele konkretisiert.

Dieses Jahr fand nun zum zweiten Mal das Nyéléni Europe Forum for Food Sovereignty statt, vom 25.-30. Oktober 2016 trafen sich 500 Delegierte aus 40 Ländern in Cluj-Napoca, Rumänien.

Poster Nyeleni 2016

 

Ich war also beim diesjährigen Forum Teil der deutschen Delegation und möchte euch ein wenig davon berichten.

Wir waren in der deutschen Delegation eine bunte Mischung aus insgesamt 36 NGO-Mitarbeitenden, Bäuer*innen und Gärtner*innen, Food-Aktivist*innen, vielen jungen Menschen, SoLaWi- und Gemeinschaftsgarten-Mitgliedern, Gewerkschafter*innen, Saatgutzüchter*innen, Journalist*innen…und natürlich Konsument*innen.

Die knapp sechs Tage des Forums waren prall gefüllt mit allerlei spannendem Programm: Neben regelmäßigen Plena in der vollen Besetzung, gab es vor allem viele kleinere Arbeitsgruppen und Austauschrunden. Diese beschäftigtem sich mit den Herausforderungen der einzelnen Themenachsen (Lebensmittelproduktion und –konsum/Lebensmittelverteilung/Recht auf natürliche Ressourcen und Gemeingüter/Arbeitsbedingungen und Soziales), den verschiedenen politischen Ebenen (lokal/national/europäisch/global), sowie den unterschiedlichen Sektoren (Produzent*innen/Konsument*innen und urbane Bewegungen/NGOs/Arbeiter*innen und Gewerkschaften). Schlussendlich ging es dann in Kleingruppen daran konkret europäische Kampagnen und Aktionen zu entwickeln. Diese Ideen wurden dann wiederum auf Treffen der nationalen Delegationen diskutiert und weitergedacht, sodass jede Delegation mit konkreten Ideen, Zielen und Arbeitspaketen wieder zurück nach Hause reist – und die Bewegung ins Rollen kommt!

Daneben gab es einen Markt der Delegationen, bei dem sich die einzelnen Länder und ihre Aktivitäten vorstellen konnten, Ausflüge zu Kleinbäuer*innen und Landwirtschaftsprojekten in der Umgebung, spannende Filme zum Thema, ein Markt mit regionalen Produzent*innen, Musik und Tanz und vieles mehr…

An dieser Stelle wäre es zu viel, euch alle Ergebnisse im Detail zu berichten – aber falls ihr Interesse an der Dokumentation des Forums habt, die zuständige Gruppe arbeitet fleißig daran und ich werde sie in den nächsten Monaten auf der BUNDjugend-Website auf Themenseite Ernährung und Landwirtschaft verlinken.

Ich kann zusammenfassend sagen, dass es für mich ein sehr bereicherndes Treffen war. So viele Menschen aus so vielen verschiedenen Ländern, mit so vielen verschiedenen Hintergründen, mit tausenden Träumen und Ideen – es war überwältigend zu sehen, welch starke Kraft die Bewegung für Ernährungssouveränität in sich trägt! Ich bin gespannt, wie es weitergeht, welche konkreten Aktionen und Kampagnen umgesetzt werden und wie die europäische Zusammenarbeit in Zukunft laufen wird.

In der deutschen Delegation waren wir alle sehr motiviert, weiterhin in engem Kontakt zu bleiben, in unseren einzelnen Arbeitsgruppen Ideen konkret umzusetzen und uns regelmäßig als deutsche Nyéléni Bewegung zu treffen und auszutauschen. Welche konkreten Ergebnisse und Projekte entstehen werden, will ich euch gerne berichten, wenn es so weit ist.

Falls ihr Lust habt, zum Thema weiterzulesen, empfehle ich euch die deutsche Néléni-Website, die europäische Website der Bewegung, den Artikel auf Degrowth in Bewegungen und die Broschüre „Besser anders, anders besser“.

Mit motivierten und solidarischen Grüßen

Emilia


Radfahren mit Hindernissen

28. November 2016 von BUNDjugend

„Autsch!“ Nicht nur die Sonnenallee ist selbst noch freitagabends eine viel befahrene Straße. Auch auf den angrenzenden Gehwegen herrscht ein reges Treiben. Da kann es durchaus vorkommen, von einer/m Radfahrer*in gestreift zu werden. Als einen kurzen Moment später eine weitere Radlerin versucht, sich an uns vorbeizudrängeln, kann auch eine schüchterne Person wie ich sich nicht mehr zurückhalten: „Wie wäre es mit Absteigen?!“ Eine ketzerische Forderung für genügend Zweiradnutzer*innen.

Das Grundproblem ist eben die primäre Ausrichtung der Infrastruktur auf den Autoverkehr, werden jetzt viele umweltbewusste Menschen sagen. Als Radfahrer*in hast du immer das Nachsehen. Nutzt du die Straße, wirst du von den Autofahrer*innen angepöbelt und musst wie im Computerspiel parkenden Fahrzeugen oder sich öffnenden Türen ausweichen. Der Radweg ist entweder zugestellt, voll mit Schnee, marode oder schlicht nicht vorhanden. Und auf dem Gehsteig hast du schon gar nichts zu suchen.
Alles richtig. Aber schwingt nicht bei dem oben beschriebenen Beispiel etwas ganz anderes mit? Die angesprochene junge Frau dachte vermutlich, mich störe ihr Verstoß gegen die StVO. „Spießer!“, lautete deswegen wohl auch ihre abschließende Analyse, bevor sie in die Dunkelheit des Neuköllner Abends entschwand.

Besser Vorsicht als Nachsicht

Tatsächlich wird Rücksicht in links-öko oder halt-irgendwie-alternativen Kreisen, denen ich mich selbst nicht fern sehe, oft mit Spießigkeit gleichgesetzt. Auch wenn nicht gleich das Gesetzesbuch gezückt und der entsprechende Paragraph zitiert wird. Es reicht, dass es dort (potentiell) drinsteht.
Dabei sind Radfahrer*innen auf dem Gehweg selbst Gefahren ausgesetzt. In erster Linie durch Autos, die aus der Ausfahrt hervorschießen oder dessen Fahrer*innen sie beim Abbiegen nicht im Blick haben. Das Risiko ist besonders hoch, wenn entgegen der Fahrrichtung geradelt wird. Unfälle können aber auch durch zu dichtes Überholen auf dem Gehsteig entstehen. Fußgänger bemerken das leise und zum Teil sehr flotte Herannahen der Räder nicht unbedingt. Und wer kann schon vorhersehen, ob das Kind vor einem im nächsten Moment immer noch so brav neben dem Papa herläuft?

Es ist dringend zu raten, Regeln und Gesetze immer in Verbindung mit dem eigenen Verstand anzuwenden. Die Mutter, die mit ihrem Drahtesel nicht auf die Straße ausweicht, sondern die ersten Radfahrversuche ihres Sprösslings auf dem Gehweg unterstützt, sollte sich nicht mit Anfeindungen beschäftigen müssen. Schließlich sorgt sie für die Sicherheit ihres Kindes und aller anderen Verkehrsteilnehmer*innen. Du kannst aber nicht links und rechts an Passanten vorbeiflitzen, weil du schnell zur Uni musst und das doch bisher immer gut gegangen ist.
Rücksicht erspart nicht nur unangenehme Zwischenfälle. Wäre es nicht auch schöner, mit seinen Mitmenschen eher durch ein nettes Gespräch in Kontakt zu kommen? Die Frage könnte dann zukünftig lauten: „Wie wäre es mit … einem Kaffee?“

von Jasmin Zamani

 

Wenn du mehr über Fahrrad- und Verkehrspolitik erfahren oder aktiv werden willst, kannst du…

…hier Zehn Ideen für eine Fahrradpolitik von unten nachlesen.

…dich über die MitRADgelegenheit mit anderen Fahrradfahrer*innen vernetzen.

…dich in der Kampagne Spielzeug Auto? für eine klimafreundliche und zukunftsfähige Verkehrspolitik starkmachen.


Sein lassen! Weg von der Wachstumspolitik

24. November 2016 von BUNDjugend

Unter dem Motto „Sein lassen! Weg von der Wachstumspolitik – Freiheit gewinnen“ traf sich der wissenschaftliche Arbeitskreis (AK) Wirtschaft und Finanzen des BUND vom 18. bis 20.11.2016 in der Evangelischen Akademie Bad Boll. Für die BUNDjugend war Katharina Ebinger aus unserem Vorstand vor Ort. Kata senkt schon seit langem den Altersdurchschnitt des spannenden Arbeitskreises und zeigt, dass es auch für junge Menschen spannend sein kann, sich in einem Arbeitskreis des Erwachsenenverbandes zu engagieren. In der Diskussion rief sie dazu auf, in der Zielformulierung nicht nur die Interessen privilegierter, weißer Akademiker*innen zu repräsentieren: In Zielsetzung und -kommunikation sei zu überlegen, wer Zielgruppe sei und mit wem in Dialog zu treten und wer wie abzuholen sei, weshalb die BUNDjugend einen Dialogprozess mit Jugendorganisationen verschiedener Gewerkschaften begonnen hat. Eine kommunikative Chance für den BUND sei, sich als Interessenvertretung der Menschen zu positionieren, die nachhaltig leben wollen, wobei unterschiedlichen Lebensstilen mit Respekt zu begegnen sei. Zugleich sei die Bereitschaft zur Veränderung von Konsummustern nicht zu entkoppeln von der ebenfalls zu stellenden politischen Systemfrage.

Wer genau wissen möchte, welche Beiträge und Diskussionen es auf der Tagung gab, kann hier alles nachlesen: Tagungsbericht