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Von stummen Tanzenden und „öffentlichen Erzählern“ – Der Jugend-Klima-Gipfel 2011

26. September 2011 von BUNDjugend

Man ist sich einig am Sonntagnachmittag des 25. Septembers auf dem Podium der Jerusalemkirche in Berlin-Kreuzberg. Der soeben beendete „Jugend-Klima-Gipfel“ sei ein voller Erfolg gewesen, so die Organisatoren rund um Christian Schwarzer (NAJU), Lukas Prinz (Jugendbündnis Zukunftsenergie) und Katharina Reuter (klima-allianz).

Die Veranstaltung ist bisher einzigartig in Deutschland, ein Testballon gewissermaßen, mit dem Ziel der Jugend-Klimaschutzbewegung auch hier ein Gesicht und eine Stimme zu verleihen. Man sieht sich damit in der Tradition vieler anderer Länder, in denen dieser Prozess mittlerweile schon in vollem Gange ist. Als besonderes Vorbild dient dabei die sogenannte „Power Shift“-Bewegung, unter deren Banner beispielsweise in den USA schon zehntausend Jugendliche in Camps zusammengebracht wurden – nicht nur um über Klimaschutz zu debattieren, sondern um darüber hinaus das Heft mit eigenen Aktionen und Kampagnen selbst in die Hand zu nehmen.

Dementsprechend vielfältig war auch das Programm des deutschen „Jugend-Klima-Gipfels“, dass mir und den anderen Teilnehmern ein erlebnisreiches und intensives Septemberwochenende bescherte. Los ging es am Samstag um elf Uhr. Nach einigen einführenden Reden, u. a. von der BUNDjugend-Bundessprecherin Jutta Wieding, hatten wir die Qual der Wahl, da sich ein jeder von uns für einen der insgesamt vier Workshops entscheiden musste. Ich besuchte „100 % erneuerbare Energien bis 2050“ mit Referent Heiko Stubner vom Bundesverband Erneuerbare Energien e. V. und meine hohen Erwartungen wurden alles andere als enttäuscht: Herr Stubner erwies sich als redegewandt und vermittelte im steten Dialog mit uns Teilnehmern eine Unmenge an Informationen. Die kurzweilige Stunde war in meinen Augen einer der Höhepunkte des gesamten Wochenendes, mit dem einzigen Wermutstropfen, dass es ruhig noch ein paar solcher Stunden mehr hätten sein können, denn wir schafften es in unserer Gruppe letztendlich „nur“ über Energieerzeugung und –verteilung, nicht aber über Effizienz, Wärmedämmung oder Transport zu sprechen. Das zeigt, wie komplex solche technischen Thematiken oft sind, was es in meinen Augen umso wichtiger macht, sich mit ihnen ausführlich auseinanderzusetzen.

Im direkten Anschluss an die Workshops machten wir uns auf den Weg zum Ku’damm, genauer gesagt zum Breitscheidplatz. Der 24. September ist nämlich kein Tag wie jeder andere, er ist auch nicht einfach der erste Tag des „Jugend-Klima-Gipfels“, sondern gleichzeitig der weltweite Klimaaktionstag, an dem das Netzwerk 350.org zu Aktionen rund um den Globus aufruft.
In Berlin fand aus diesen Anlass zum dritten Mal die Silent-Climate-Parade statt – Protest soll auch Spaß machen, so lautete die Devise. Deshalb tanzt man für den Klimaschutz, unterstützt von hochkarätigen DJs und DJanes. Der Clou daran: Nur die Demonstranten hören die Musik, welche über Funk auf vorher ausgeteilte Kopfhörer übertragen wird.  Bei glänzendem Wetter, wie es uns sonst in diesem Jahr nur selten zuteil wurde, wippte, groovte und hüpfte der bunte Demonstrationszug stumm durch Berlin und hinterließ bei vielen Passanten gewiss bleibenden Eindruck.

Nach der anschließenden Kundgebung vor der Gedächtniskirche war der Tag für mich und alle anderen Teilnehmer des Jugend-Klima-Gipfels jedoch noch nicht zu Ende. Zunächst ging es zumeist per Bus, in meinem Fall mit dem Rad, zurück zum Tagungsort. Dort angekommen erwartete uns als Abschluss des Samstags eine abendliche Podiumsdiskussion, für welche die Veranstalter Jugendvertreter aller etablierten Parteien sowie Jutta Wieding (BUNDjugend) und Gewerkschaftsvertreter Christian Beck (IG Bauen-Agrar-Umwelt) gewinnen konnten. Die Moderation übernahm Holger Klein (FRITZ!-Radio).
Schnell entwickelte sich zwischen den Rednern, die zwar meist sehr ähnliche Ziele verfolgten, jedoch auf teils sehr unterschiedliche Art und Weise, ein anregender und spannender Diskurs. Es wurde klar, dass die Erderwärmung und der damit einhergehende Klimawandel kein isoliertes Problem darstellt, sondern, so Tim Schlösser (JUSOS), viel mehr als Querschnittsthema aufgefasst werden und in verschiedensten Politikbereichen Berücksichtigung finden sollte. Mit diesem Einwand wischte er gleichzeitig vorherige Debatten um die Priorität von Klimaschutz und dessen politischer Einordnung vom Tisch.
Auffälig oft führte der vielfach sehr hohe Grad an Sachverständigkeit der Diskutierenden dazu, dass man sich an Details zerrieb, was den Moderator zu der Frage verleitete, wie man all das Gesagte und die damit verknüpften Werte und Vorstellungen denn einem normalem Bürger vermitteln wolle, der arbeite, und sich am Abend lieber ein „Bier aufmache“, als noch großartig belehrt zu werden. Jutta Wieding fand daraufhin die richtigen Worte, als sie feststellte, dass den meisten Konsumenten mittlerweile einfach der emotionale wie rationale Bezug zu den von ihnen konsumierten Produkten fehle. Sie betonte, dass gerade dezentrale Stromerzeugung durch erneuerbare Energien oder der Kauf regionaler Produkte, diese Distanz wieder schrumpfen lassen könnte. Somit sei es möglich, eine höhere Sensibilisierung der breiten Bevölkerung für die so heiß diskutierten Themen zu erreichen.
Einen schweren Stand in der Runde hatte neben Josefin Kraemer (Junge Union) vor allem Marcus Bertz als Vertreter der Jungen Liberalen. Erstaunlicherweise erklärte er sich aber am Ende der Podiumsdiskussion bereit, sich mit den Forderungen der Teilnehmer des Gipfels auseinanderzusetzen und einen Brief an Bundeskanzlerin Merkel zu verfassen. Gewissermaßen war dies das versöhnliche Ende der zwischenzeitlich doch kontroversen Debatte und damit auch der Schlusspunkt des ersten Gipfel-Tages.

Viel Zeit zum Verschnaufen blieb jedoch nicht, denn am Sonntag ging es schon um neun Uhr weiter. Der zweite und letzte Tag des Jugend-Klima-Gipfels stand ganz im Zeichen von „public narrative“, einer innovativen rhetorischen Methode, die nicht zuletzt Obama vor drei Jahren zu seinem Erfolg im Rennen um die US-Präsidentschaft verhielf. Nach zwei Vorträgen, in denen wir über die Schülerinitiative „Plant for the Planet“ und über internationale Jugendklimaschutzbewegungen im Allgemeinen informiert wurden, fand man sich deshalb in kleineren Gruppen zusammen, in denen wir zusammen mit Trainern die „public narrative“-Methode erlernen sollten. Das Ziel war es, am Ende eine Version seiner eigenen Geschichte, mit dem Potential andere Menschen zu überzeugen, erzählen zu können. Denn darum geht es bei „public narrative“. Man geht von sich selbst aus, versucht mittels ganz persönlicher Anekdoten oder Schilderungen ganzer Werdegänge eine emotionale Verbindung zu den Zuhörern herzustellen, anschließend ein Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen und getragen davon die Ziele zu definieren, auf die man hinaus will.
Nach Beendigung der Arbeitsphase versuchten sich dann drei Teilnehmer vor versammelter Runde daran, dass eben Gelernte überzeugend umzusetzen, was in allen Fällen erstaunlich gut gelang.

Um das Treffen, in dessen Verlauf, wie von den Organisatoren gewünscht, die Vernetzung jugendlicher, deutscher Klimaaktivisten weiter vorangetrieben wurde, gebührend abzuschließen, fanden sich am späten Sonntagnachmittag noch einmal alle Teilnehmer des Jugend-Klima-Gipfels zusammen und formten zusammen für ein Gruppenfoto auf dem Kirchenvorplatz die „100 %“ stellvertretend für die Forderung nach einer Umstellung der Stromversorgung hin zur vollständigen Energieerzeugung aus regenerativen Quellen.

Die Gelegenheit, die sich mir und allen anderen an diesem Wochenende bot, war sicherlich etwas Besonderes. Ich möchte den Veranstaltern danken, dass sie uns ermöglichten sich mit so vielen Gleichaltrigen untereinander auszutauschen – herauszufinden, dass wir alle auf der einen Seite zwar vollkommen unterschiedlich seien mögen, aus den verschiedensten Verhältnissen stammen und dennoch so verblüffend ähnliche Ziele verfolgen.
Der reibungslose Ablauf des gesamten Gipfels und die vorzüglich Verpflegung während der zwei Tage, sollen ebenfalls nicht unerwähnt bleiben.

Dennoch will ich nach all dem Lob auch etwas Kritik üben: Ich hätte es toll gefunden, wenn die einmalige Chance einer solchen Veranstaltung auch mehr zur Vermittlung von Inhalten genutzt worden wäre. Denn gute und überzeugende Argumente sind neben allen rhetorischen Kniffen – und das finde ich sehr tröstlich – noch immer die Grundpfeiler einer glaubwürdigen Argumentation.

Euer Stefan